Encavis und die Leerverkäufer

Yoschl84
Yoschl84 Beitrag vom: 01.12.2020, 09:02 Uhr Leser: 10676

In schöner Regelmäßigkeit liest man zu Encavis Meldungen, welche die Leerverkäufe bei dem SDAX-Unternehmen thematisieren. Dabei geht es entweder darum, dass ein Hedgefonds seine Shortposition geändert hat, oder es wird der insgesamt hohe Anteil an leerverkauften Aktien thematisiert. Das Spektrum der Medien umfasst dabei nicht nur überwiegend automatisierte Kurzmeldungen auf Börsen-Platformen, sondern durchaus auch scheinbar ernstzunehmende Artikel in Wirtschaftszeitschriften à la Handelsblatt & Co.

Das Problem bei diesen Meldungen ist weniger die faktische Zahlenbasis. Es ist unbestritten, dass aktuell tatsächlich mindestens 12-13 Prozent der Encavis-Aktien leerverkauft sind, wie den Zahlen des Bundesanzeigers zu entnehmen ist. Das Problem ist vielmehr die daraus folgende automatische Interpretation, diese Hedgefonds würden auf fallende Kurse wetten oder gar das Unternehmen attackieren. Dabei möchte ich nicht verschweigen, dass ich dieser Interpretation mangels besseren Wissens lange Zeit selbst gefolgt bin. Und dabei ist dieses Thema nicht nur für Encavis relevant, sondern potenziell für nahezu jedes Unternehmen mit einem relevanten Anteil an geshorteten Aktien. Beispielhaft genannt seien hier Aixtron, Deutsche Euroshop, Evotec, K+S oder Leoni.

Grundsätzlich lässt diese Attacke-Interpretation ein mögliches weiteres Motiv der Hedgefonds unberücksichtigt, welches schon in deren Namen steckt, nämlich das Motiv des Absicherns. Hat ein Investor zum Beispiel in Wandelanleihen eines Unternehmens investiert, so hat er dem Unternehmen Geld geliehen und erwartet die Rückzahlung des Bonds in Aktien. In vielen Fällen liegt das primäre Interesse dabei nur am relativ attraktiven Zinssatz, den das Unternehmern den Geldgebern zahlt. Chancen (und Risiken) aus schwankenden Bondpreisen sind dann eben nicht das primäre Anlageziel. In diesem Fall kann es Sinn machen, sich gegen fallende Aktienkurse abzusichern, was ganz einfach durch den Leerverkauf der entsprechenden Aktien möglich ist. Steigt der Aktienkurs während der Bondlaufzeit, kann auch eine Aufstockung der Shortposition sinnvoll sein.

Das Problem hierbei ist, dass man den Zahlen im Bundesanzeiger nicht entnehmen kann, welcher Anteil dieser Leerverkaufspositionen attackierender Natur (à la Grenke Leasing) und welcher absichernder Natur ist. Und leider macht sich die Presse- und Medienlandschaft wenig Mühe, hier fundiert zu recherchieren bzw. einfach mal nachzufragen.

Zumindest im Fall der Encavis AG hat aber deren CEO ob des hohen Shortseller-Anteils Entwarnung gegeben: Laut einem öffentlich zugänglichen Interview (https://youtu.be/Hlk2VflRweQ) erklärt er (bei 1:00:54), dass der überwiegende Anteil der Encavis-Leerverkäufer in den Hybrid-Convertible investiert habe und somit nicht dem Attacke-Typus zuzuordnen sei. Im Gegenteil: Das sind Gläubiger von Encavis, die ein ureigenes Interesse am Erfolg des Unternehmens haben sollten, damit sie ihre Zinszahlungen pünktlich überwiesen bekommen.

Auch wenn sich diese Aussagen für den Anleger nicht objektiv belegen lassen (dazu müssten die Hedgefonds selbst ihre Positionen und Motive offenlegen), sehe ich persönlich keinen Grund daran zu zweifeln. Totzdem ist es schade, dass das Leerverkaufsmotiv nicht systematischer erfasst und nicht schon im Bundesanzeiger in irgendeiner Form leichter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Und es ist natürlich schade, dass das alternative Absicherungsmotiv bislang in den relevanten Medien nicht stärker in Betracht gezogen wird.

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