FRANKFURT (dpa-AFX) - Die deutsche Wirtschaft hat im zweiten Quartal einen historischen Einbruch erlitten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte in den Monaten April bis Juni gegenüber dem Vorquartal um 10,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden in einer ersten Schätzung mitteilte. Es war der stärkste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen im Jahr 1970.

Einschätzungen zum Konjunktureinbruch:

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

"Das deutliche Minus im Vorquartalsvergleich verdeckt, dass sich die deutsche Wirtschaft bereits seit Ende April vom vorhergehenden beispiellosen Einbruch erholt. Dabei wirkt die Lockerung der Corona-Beschränkungen wie ein Konjunkturprogramm; der natürliche Schaffensdrang der Menschen bricht sich wieder Bahn. Mittlerweile dürfte die deutsche Wirtschaft mehr als die Hälfte des vorherigen Einbruchs wettgemacht haben."

Uwe Burkert, Chefvolkswirt Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)

"Für den Rest des Jahres erwarten wir jetzt eine Aufholjagd. Wie kräftig die wird, hängt weniger von der Wirtschaftspolitik ab. Vielmehr gilt es, die weitere Entwicklung der Infektionszahlen zu verfolgen. Aber selbst im besten Fall, das heißt ohne einen neuen Lockdown, wird es einige Quartale dauern, bis wir diesen Verlust an Wirtschaftsleistung wieder aufgeholt haben."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank Gruppe

"Das Gute ist, das Zahlenwerk gehört der Vergangenheit an. Der Wirtschaftsmotor läuft wieder - wenngleich auch nicht rund. Da mit dem Wirtschaftseinbruch des zweiten Quartals nun eine niedrige Ausgangsbasis vorliegt, bedarf es aber nicht viel, um im dritten Quartal rekordhohe Wachstumsraten zu verbuchen. Das Pendel schwingt dann auf die andere Seite."

Friedrich Heineman, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs "Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft"

"Die Zahlen aus Wiesbaden bestätigen, was jeder bereits wusste. Die Bundesrepublik durchläuft derzeit die mit Abstand tiefste Rezession ihrer Geschichte. Dennoch sind die bedrohlich aussehenden Zahlen kein Anlass zur Panik. Die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik hat mit ihren Liquiditätshilfen und dem Konjunkturprogramm vom Juni 2020 insgesamt klug und angemessen reagiert und betreibt eine erfolgreiche Schadensbegrenzung. (...) Klar ist aber auch, dass der Einschnitt der Corona-Rezession mehr als eine einfache Konjunkturkrise ist. Die anhaltende Pandemie wird den Strukturwandel in Richtung der digitalen Ökonomie nun rasch beschleunigen."

Ralf Umlauf, Analyst Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)

"Zwar verbessern sich Stimmungsindikatoren und realwirtschaftliche Daten seit einigen Monaten wieder deutlich, für das Gesamtjahr 2020 wird dennoch mit einem sehr großen Minus beim Bruttoinlandsprodukt zu rechnen sein. Darüber hinaus schwebt das Damoklesschwert der zweiten Infektionswelle vor allem über der Entwicklung der internationalen Konjunktur. Geld- und Fiskalpolitik bleiben vor diesem Hintergrund bis auf weiteres expansiv, nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch global."

Andrew Kenningham, Chefvolkswirt Europa bei Capital Economics

"Wir gehen davon aus, dass auf den Einbruch im zweiten Quartal im dritten Quartal eine etwas geringere Erholung folgen wird, aber dennoch scheinen die Risiken für unsere Prognose von einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von fünf Prozent im Gesamtjahr 2020 jetzt nach unten zu tendieren. Die Wirtschaftsleistung dürfte zumindest in den nächsten zwei Jahren viel kleiner bleiben als vor der Krise."/jkr/jsl/zb