FRANKFURT (dpa-AFX) - Der deutsche Außenhandel hat sich im Mai etwas von dem Einbruch in der Corona-Krise erholt. Die Exporte stiegen gegenüber dem Vormonat um 9,0 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte. Analysten hatten allerdings einen deutlich stärkeren Zuwachs erwartet. Der Anstieg der Importe fiel ebenfalls schwächer als erwartet aus.

Einschätzungen von Ökonomen und Verbandsvertretern zum Außenhandel im Überblick:

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt Union Investment

"Die im Vergleich zum Vormonat gestiegenen Ein- und Ausfuhren im Mai zeigen: Das Tal der Tränen ist durchschritten. Der deutsche Außenhandel nimmt wieder etwas Fahrt auf. Das ist eine gute Nachricht, sollte aber nicht zu viel Begeisterung auslösen. Verglichen mit dem Vorjahr ist der Handel noch sehr schwach. (...) Eine schnelle Erholung wird es nicht geben, da nicht alle wichtigen Wirtschaftsregionen gleichzeitig und gleich stark aus der Corona-Krise herauskommen."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank

"Das Zahlenwerk macht nach den epochalen Abstürzen der Vormonate deutlich, dass es noch ein langer Weg zurück zum Normalzustand ist. (...) Das verarbeitende Gewerbe sieht wieder Licht am Ende des Tunnels. Allerdings werden die Produktionskapazitäten vorerst in weiten Teilen der Industrie unterausgelastet bleiben. Das Echo der Corona-Pandemie wird für die Exportwirtschaft noch lange zu hören sein."

Joachim Lang, BDI-Hauptgeschäftsführer

"Die Exporte erholen sich nur vorsichtig und liegen immer noch deutlich unter dem Vorjahresniveau. Die Krise ist damit bei Weitem nicht überwunden. Unsere exportorientierte Wirtschaft muss sich auf schwierige Zeiten einstellen. Die Wachstumsaussichten für Europa als Heimatmarkt sind äußerst düster. Die schwerste Rezession in der Geschichte der EU wird die deutschen Ausfuhren überdurchschnittlich schwer treffen. Derzeit landen zwei Drittel unserer Exporte im europäischen Binnenmarkt."

Ralph Solveen, Analyst Commerzbank

"Zumindest für den Juni ist mit einem weiteren deutlichen Plus bei den Exporten zu rechnen. So wurden nach Angaben des Automobilverbandes im Juni fast doppelt so viele Autos exportiert wie im Mai, und auch andere Branchen dürften ihre Lieferungen deutlich erhöht haben. Trotzdem dürften die Warenexporte im zweiten Quartal gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres um deutlich mehr als 20 Prozent gefallen sein."

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland ING

"Der deutsche Exportsektor ist von strukturellen Herausforderungen wie Handelsspannungen, Brexit und globalen Störungen der Lieferkette betroffen, aber auch von den Schwierigkeiten der wichtigsten Handelspartner, mit dem Virus umzugehen. In der Vergangenheit konnte sich die deutsche Wirtschaft immer auf die Exporte verlassen, um die Erholung anzukurbeln. (...) Dieses Mal muss sich die Wirtschaft auf etwas anderes als die Ausfuhren konzentrieren, um das Wachstum anzukurbeln."

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