In einem neuen Buch skizziert der Kapitalmarktexperte die Gründe für den Anstieg der Preise und warum Anleger weiter auf Aktien setzen sollten. Im Interview mit w:o betont er die Faustregel: Sachwerte statt Geldwerte.

wallstreet:online: Herr Riße, weltweit sorgen sich Unternehmen, Investoren und Politiker über eine ansteigende Inflation. Ihr neues Buch* trägt passenderweise den Titel „Die Inflation kommt“. Zufall? Oder haben Sie diese Entwicklung schon länger kommen gesehen?

Stefan Riße: Im Januar haben wir bei Acatis ein Webinar zum Thema Inflation veranstaltet. Da war schon erkennbar, dass es Knappheiten geben wird, sobald die Wirtschaft wieder hochfährt. Es kommt zu steigenden Produzentenpreisen, die dann auch beim Verbraucher ankommen.

In gewisser Weise war die Pandemie ein Trigger für die Inflation. Denn durch die Zentralbankpolitik der vergangenen Jahre ist unglaublich viel Geld in die Märkte gepumpt worden. Für eine Rückkehr zu einer soliden Schulden- und Geldpolitik ist jedoch zu spät. Dazu ist der Rubikon viel zu weit überschritten.

Auch demografische Effekte heizen die Inflation an, besonders in China. Bislang hat die Weltwirtschaft von günstigen Arbeitskräften in Asien profitiert. Dieser Trend kippt spätestens im Jahr 2025. Es wird weniger Menschen geben, die Produkte herstellen, und die Löhne werden steigen. Auch das führt wiederum zu Inflation.

wallstreet:online: Der Begriff Inflation ist in den Medien und in der Öffentlichkeit extrem negativ besetzt. Woher kommt diese Angst?

Stefan Riße: Gerade in Deutschland hat die Inflationsangst eine lange Vorgeschichte. In der Weltwirtschaftskrise während der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen viel Vermögen verloren. In den USA herrscht dagegen ein anderes Trauma. Dort kam es während der Great Depression zu einer Deflation mit fallenden Preisen und einer Schrumpfung der Wirtschaft um 50 Prozent.

Ich denke nicht, dass wir dieses Mal ein Szenario sehen werden wie die Hyperinflation in der Weltwirtschaftskrise der Dreißiger Jahre oder eine Depression wie im Japan der Neunziger Jahre. Selbst wenn es über einen längeren Zeitraum zu einer Inflation von vier Prozent kommt, kann die Wirtschaft weiter wachsen.

wallstreet:online: Inwiefern können denn Politik und Notenbanken hier noch gegensteuern?

Stefan Riße: Notenbanken weltweit betonen aktuell, dass es sich bei den Preisanstiegen lediglich um kurzzeitige Basiseffekte handelt. Das kann auch durchaus sein. Ich beschreibe in meinem Buch aber, dass es nicht nur um 2021 und 2022 geht, sondern dass wir vor einem ganzen Jahrzehnt höherer Inflationsraten stehen.

Denn die Politik der Notenbanken hat ein riesiges Inflationspotenzial aufgebaut. Nach der Finanzkrise wurden im großen Umfang Staatsanleihen gekauft. Und in der Corona-Krise wurden diese Käufe nochmals vervielfacht. Es ist also extrem viel Geld in die Finanzmärkte geflossen. Wenn dieses Geld aus den Finanzmärkten in die Realwirtschaft fließt, dann wirkt es inflationär.

Die Schulden sind mittlerweile zu hoch, als das wir durch zusätzliches Wachstum einfach aus den Schulden herauswachsen können.

wallstreet:online: War diese Zentralbankpolitik rückblickend betrachtet ein Fehler?

Stefan Riße: Die Inflation scheint auf jeden Fall das kleinere Übel zu sein. Denn die Alternative wäre ein Pleitewelle gewesen, die die sozialen Ungleichheiten noch verstärkt.

Um den sozialen Frieden zu erhalten, muss etwas getan werden. Denn die Schere zwischen Arm und Reich geht enorm auseinander. Die Löhne müssen steigen, gerade für Niedrigverdiener. Denn politische Phänomene wie der Brexit, Trump, die AfD und auch der Sturm auf das Kapitol sind keine Zufallsprodukte.

So genannte Niedrigqualifizierte haben in den letzten 20 Jahren so gut wie keine Reallohnsteigerungen gesehen. Auch vom Anstieg bei den Vermögenspreisen hat dieser Teil der Gesellschaft kaum etwas abbekommen.

wallstreet:online: Wen trifft denn eine steigende Inflation am meisten?

Stefan Riße: Für Sparer bahnt sich hier ein wahres Drama an. Denn auch wenn die Zahl der Aktionäre zuletzt wieder etwas gestiegen ist: Ein Großteil der Bevölkerung – der klassische Mittelstand – legt seine Ersparnisse nach wie vor gerne auf das Sparbuch, das Festgeld-Konto, oder in die Lebensversicherung. Die Sparer verlieren seit Jahren Geld, die Inflation steigt und die Zinsen werden nicht angehoben. Diese Menschen verlieren real einen großen Teil ihrer Ersparnisse. Und an diese Menschen richtet sich mein Buch.

wallstreet:online: Der Untertitel des Buches lautet: „Wie Sie sich schon jetzt schützen“. Gehören für Sie dazu auch die klassischen Inflations-Bollwerke Gold und Immobilien?

Stefan Riße: Mit einer selbstgenutzten Immobilie kann man sich gut vor Mietsteigerungen schützen, das stimmt. Gold würde ich in inflationären Zeiten immer nehmen. Aber auch Aktien gehören unbedingt dazu. Denn man kann davon ausgehen, dass die Zinsen noch lange Zeit deutlich unter der Inflationsrate liegen werden. Es bleibt also beim negativen Realzins. Grundsätzlich gilt also: Sachwerte statt Geldwerte.

wallstreet:online: Herr Riße, vielen Dank für das Gespräch.

"Die Inflation kommt - Wie Sie sich schon jetzt schützen"* ist unter anderem bei Amazon erhältlich.

*Werbelink

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