von Sebastian Hahn

Der Leiter des HWWI-Wirtschaftsinstituts Prof. Thomas Straubhaar überrascht uns heute mit peinlichen Verschwörungstheorien, anstatt sachlicher Analysen. Sein Artikel "Der inszenierte Crash" erschien auf der stern.de-Startseite und lässt uns Böses über die (deutsche) Ökonomenzunft ahnen. Im Kern ist Staubhaars These: Der Börsencrash ist völlig überzogen, da ja die Schuldenprobleme der USA (und anderer Länder) schon bekannt waren. Ergo kann der aktuelle Crash nur "inszeniert" sein.

Schauen wir mal genauer hin, was uns dieser Professor aus Hamburg zu sagen hat. Er kritisiert, dass die Schuldenfakten lange bekannt waren, die Ratingabstufung der USA also keine neuen Fakten gebracht hat und - wie der Crash zeigt - die Finanzmarktakteure offensichtlich Informationen nicht perfekt verarbeiten, Märkte nicht effizient sind. Soweit so gut.

Moment - was war nochmal der Kritikpunkt? Finanzmärkte sind nicht effizient? Wer redet denn diesen Schwachsinn seit Jahrzehnten der Bevölkerung (oder auch den BWL- und VWL-Studenten) ein? Es ist genau die Zunft dieses Professors aus Hamburg. Der Professor würde seinen Forschungsaufgaben wohl eher gerecht, wenn er die Realitäten untersuchen würde, als jetzt den Finanzmarktakteuren zu vorzuwerfen, dass sie nicht im volkswirtschaftlichen Sinne perfekt funktionieren. Er schreibt: "Spricht das [der Crash] nicht eher für Herdenverhalten, Eigendynamik, emotionale Panik und automatisierte Verhaltensregeln?" Aber ja möchte man rufen, so ist es. Schön, dass Sie es jetzt auch begreifen, dass hier Menschen am Werk sind!

Das, was jeder Hauptschüler sich mit gesundem Menschenverstand zusammenreimen kann, für diese Erkenntnisse, kommt der Professor schonmal auf dei Stern.de-Titelseite. Applaus!

Staubhaars Schlußfolgerung ist eine andere: Er gleitet jetzt ganz elegant in Verschwörungstheorien über. Da die Märkte (und ihre Akteure) nicht effizient sind, müssen sich Spekulanten und Ratingagenturen im Hinterzimmer verschworen haben: Die bösen Spekulanten gehen short, dann kommen die bösen Rating-Agenturen und lassen die Kurse fallen. Und am Ende machen die beiden Halbe-Halbe. Was nicht alles so in eines Volkswirtes Kopf vorgeht.

Natürlich sind solche Absprachen nicht per se auszuschließen, allerdings ist die Realität ein bisschen komplexer. Viele Wirtschaftsfachleute (weniger die Professoren) sehen die Ratingherabstufung als wohlbegründet an. Nicht zuletzt als einen Warnschuss für die amerikanische Politik ihren Haushalt in Ordnung zu bringen. Diese Herabstufung hat sicher nicht die Fakten geändert, aber den weltweiten Spekulanten, Anlegern, Analysten und sonstigen Wirtschaftsakteuren ins Gedächtnis gerufen, dass eben nicht alles weiter gehen kann wie gehabt; so dramatisch, wie die Verschuldungs- und Haushaltslage weltweit ist. Und wenn berechtigte Bonitätsbedenken für die USA gelten - um wieviel mehr sollte man sich um die europäischen Problemländer und sogar solidere europäische Länder wie Frankreich sorgen? Die Ratingabstufung war der Auslöser, dass dieses Begreifen, was die Schulden- und Defizitfakten bedeuten, so plötzlich über eine Vielzahl von Akteuren kam. Auf solche Gedanken kommt ein Volkswirt, der ja doch nur den den homo oeconomicus kennt (auch wenn er anderes behauptet), natürlich nicht.

Straubhaar wird mit seinem Artikel dafür um so mehr seiner Zunft gerecht, die so treffend in dem beliebten Witz beschrieben wird:
Was ist ein Volkswirt?
Ein Volkswirt ist ein Mensch, der morgen weiß, warum seine Prognosen, die er gestern gemacht hat, heute nicht eingetreten sind.