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FRANKFURT (dpa-AFX Broker) - Nach dem Insolvenzantrag des in einem Bilanzskandal versunkenen Zahlungsabwicklers Wirecard sind die Aktien am Donnerstag um weitere 80 Prozent auf 2,50 Euro abgestürzt. Seit der abermaligen Verschiebung der Bilanz für 2019 in der Vorwoche und dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe verloren sie damit inzwischen fast 98 Prozent.

Der Vorstand begründete die beim Amtsgericht München beantragte Eröffnung eines Insolvenzverfahrens mit drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Wirecard steckt spätestens seit Bekanntwerden mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe in einem Bilanzskandal.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hatte ihr Testat für den Jahresabschluss für 2019 verweigert, weil sie keine ausreichenden Nachweise für die Existenz angeblicher Guthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro auf den Philippinen finden konnte. Wirecard räumte inzwischen ein, dass das Geld "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" überhaupt nicht existiert.

Die absehbare Insolvenz des Bezahldienstleisters könnte eine Reihe von Banken teuer zu stehen kommen, die dem Unternehmen über eine Kreditlinie einem Anleiheprospekt zufolge bis zu 1,75 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt haben. Dazu gehören laut Prospekt als führende Institute unter anderem die Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dabei hatten die Banken Wirecard gerade erst einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe zurückfordern.

Mit dem jüngsten Kursabsturz könnte sich die Wirecard-Aktie in der Liste der zehn höchsten Tagesverluste eines Dax-Wertes ganz an die Spitze setzen. Sollte sie bis zum Handelsende ein Minus in ähnlicher Höhe wie aktuell aufweisen, wäre das der höchste Verlust eines Dax-Titels in der knapp 32-jährigen Geschichte des deutschen Leitindex. Der Absturz um aktuell rund 98 Prozent seit vergangenem Mittwoch ist im Dax ohnehin schon einmalig.

Damit droht Wirecard im Herbst auch der Rauswurf aus dem Dax, in den das Papier erst im September 2018 aufgenommen worden war. Damals war Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von fast 25 Milliarden Euro wertvoller als die Deutsche Bank .

Der Insolvenzantrag des Unternehmens sei der vorläufige Höhepunkt der von skandalösen Vorgängen geradezu strotzenden vergangenen Tage, bemerkte Analyst Wolfgang Donie von der NordLB. Der Experte rät dringend von spekulativen Investments bei Wirecard ab. Sein Kursziel strich er von 20 auf 1 Euro zusammen und gesellte sich damit zum Experten Adithya Metuku von der Bank of Amerika, der tags zuvor bereits mit diesem Ziel für Aufmerksamkeit gesorgt hatte./edh/ag/jha/

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