PARIS/LONDON (dpa-AFX) - Die Aktienmärkte in Europa haben am Mittwoch nach der Vortagserholung wieder geschwächelt. Anleger verarbeiteten weiter den Gaslieferstopp Russlands und den inflationsbedingten Druck, unter dem die Notenbanken stehen. Als Stimmungsbremse fungierten auch die eng verflochtenen Inflations-, Zins- und Konjunktursorgen der Anleger.

Am Mittwoch ging es für den Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 um 0,48 Prozent auf 3483,46 Punkte bergab. Auch auf Länderebene waren die Vorzeichen rot. Der französische Cac 40 verlor 0,41 Prozent auf 6079,33 Punkte, während der britische FTSE 100 um 0,65 Prozent auf 7253,18 Punkte nachgab.

Gespannt wird auf den am Donnerstag erwarteten Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank geblickt. Ökonomin Roxane Spitznagel vom Fondsanbieter Vanguard erwartet eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte und damit die erste Zinserhöhung dieser Größenordnung seit Einführung des Euro.

Ein wichtiges Börsenthema ist neuerdings auch der starke US-Dollar, der Exporte aus der EU in Dollar-Länder günstiger werden lässt. Der Kurs des Euro setzt sich derzeit unter der Parität und am Zwanzigjahrestief fest. Die Schwäche der Gemeinschaftswährung gilt als zweischneidiges Schwert, denn in der Folge stiegen auch die Inflation und damit die Anleiherenditen sowie die Konjunktursorgen, hieß es.

Im Fokus blieb der Strommarkt in der Europäischen Union mit der Debatte über eine Neuordnung der Preisfindung losgelöst vom teuren Gas. Unter den europäischen Versorgern , die zuletzt unter Druck geraten waren, entbrannte eine Erholungsrally. Der Branchenindex stieg um drei Prozent und war damit der einzige Sektorgewinner. Wie die "Financial Times" berichtete, wird in der EU über eine Obergrenze von 200 Euro pro Megawattstunde gesprochen für Strom, der nicht mit Gas erzeugt wird. Im EuroStoxx lagen die Papiere von Enel und Iberdrola mit Anstiegen um jeweils 2,8 Prozent vorne.

Auf der negativen Branchenseite stand die Öl- und Gasbranche unter anderem wegen der Ölpreise, die infolge der getrübten Konjunkturaussichten auf mehrmonatige Tiefstände fielen. Derweil konkretisiert EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihre vorgeschlagenen Maßnahmen für niedrigere Energiepreise. Wie das "Handelsblatt" am Dienstag unter Berufung auf die Politikerin berichtete, sei eine Sonderabgabe für Öl- und Gaskonzerne geplant, die hohe Gewinne verbuchten.

Die Konjunktursorgen der Anleger machten sich derweil besonders stark im Rohstoffsektor bemerkbar, dessen Teilindex um 1,9 Prozent fiel. Papiere des Metallkonzerns ArcelorMittal und des Bergbaukonzerns Rio Tinto fielen um jeweils rund zwei Prozent.

Ansonsten waren neue Analysteneinschätzungen ein Anlegerthema. In Brüssel zogen die Aktien der Supermarktkette Colruyt um 12 Prozent an, weil Goldman Sachs seine Meinung mit einer Kaufempfehlung gedreht hat. Laut dem Analysten Rob Joyce könnte die Discounter-Strategie im aktuell stark eingetrübten Verbraucherumfeld zu einem Vorteil werden - genauso wie Aktivitäten der Gruppe im Bereich Windkraft.

Ein größerer EuroStoxx-Gewinner wurden die Aktien von Safran - auch hier nach einer Goldman-Studie. Analystin Daniela Costa setzte den französischen Luftfahrtindustrie-Zulieferer auf eine Liste besonders überzeugender Anlageideen - im Tausch gegen die gestrichene Airbus -Aktie. So erklärten sich dann auch Kursgewinne von 1,7 Prozent bei Safran und Abgaben von 0,8 Prozent bei Airbus.

Eine auffällige Schwäche zeigte noch das Unternehmen Polypeptide , dessen Kurs nach einer Verkaufsempfehlung der Großbank UBS um fast elf Prozent absackte. Analystin Barbora Blaha argumentierte angesichts notwendiger Investitionen mit einem gedämpften freien Barmittelfluss des Pharmazulieferers./tih/jha/