FRANKFURT (dpa-AFX) - Ziemlich robust hat der Dax am Donnerstag bislang auf die Gefahren durch mögliche US-Strafzölle und einer neuen Corona-Welle reagiert. Die Schlagzeilen beherrschen allerdings Einzelwerte wie Wirecard , Bayer sowie die inzwischen im MDax notierte Lufthansa .

Der deutsche Leitindex gewann gegen Mittag 0,53 Prozent auf 12 158,41 Punkte. Anleger agierten gleichwohl nervös. Noch im frühen Handel hatte der Dax seinen Vortages-Kursrutsch bis auf unter 12 000 Punkte ausgeweitet.

Der MDax der mittelgroßen Börsenwerte gewann am Donnerstag bisher 0,87 Prozent auf 25 745,05 Punkte. Der Eurozone-Leitindex EuroStoxx 50 rückte um 0,2 Prozent vor.

Wirecard stellte Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Die Papiere des im Bilanzskandal feststeckenden Zahlungsabwicklers waren zeitweise vom Handel ausgesetzt. Nach Wiederaufnahme sackten sie bis auf 2,50 Euro ab. Seit der abermaligen Verschiebung der Bilanz für 2019 in der Vorwoche und dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe verloren sie damit fast alles.

Wirecard wird aber wohl auch nach dem Insolvenzantrag vor September, wenn die reguläre Indexüberprüfung durch die Deutsche Börse stattfindet, nicht aus dem Dax fliegen. Nur im Falle einer Abwicklung oder falls der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse abgewiesen wird, muss ein Unternehmen laut den Regeln der Deutschen Börse aus einem Auswahlindex "umgehend" herausgenommen werden.

Als Wirecard-Nachfolger im Dax im September gelten der Online-Essenslieferant Delivery Hero und der Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise . Die Kurse beider Aktien legten um teils mehr als drei Prozent zu. Sie erreichten beide Rekordwerte.

"Die deutsche Wirtschaft erscheint international nicht wirklich in einem guten Licht", urteilte Marktexperte Andreas Lipkow von der Comdirect Bank mit Blick auf Wirecard und auch auf Lufthansa. "Ein Noch-Dax-Konzern verglüht im Narzissmus des ehemaligen Managements und andere ehemalige Dax-Mitglieder liegen sprichwörtlich auf der Intensivstation und ringen um die wirtschaftliche Existenz."

So entscheiden bei der Lufthansa die Anleger auf der außerordentlichen Hauptversammlung ab 12 Uhr darüber, ob sie den Staat als Anteilseigner einsteigen lassen wollen oder nicht. Damit fest verbunden ist das neun Milliarden Euro schwere Rettungspaket, das in den Wochen zuvor Zwischen Frankfurt, Berlin und Brüssel ausgehandelt worden ist. Die Wettbewerbshüter der EU-Kommission haben das Rettungspaket der Bundesregierung inzwischen genehmigt.

Auch Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele, der sich zuvor lange gegen den Einstieg des Staates zu den Bedingungen stark gemacht hatte, signalisierte mittlerweile Zustimmung zum Rettungspaket. Damit könnte eine Insolvenz der Fluggesellschaft noch vermieden werden. Anleger waren erleichtert. Die seit kurzem im MDax notierten Lufthansa-Papiere gewannen zuletzt fast 14 Prozent.

Der Agrarchemie- und Pharmakonzern Bayer gab am Vorabend milliardenschwere Vergleiche zu den rechtlichen Problemen in den USA bekannt. Bayer ließ sich eine Einigung mit zahlreichen US-Klägern mehr als zehn Milliarden Euro kosten. Dabei geht es vor allem um angebliche Krebsrisiken des Unkrautvernichters Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat. Bei Analysten kamen die jüngsten Nachrichten gut an. Michael Leuchten von der UBS sieht Bayer-Aktien nun wieder als investierbare Anlage. Anleger könnten sich nun wieder auf das Fundamentale fokussieren, schrieb Daniel Wendorff von der Commerzbank.

Die Bayer-Titel drehten jedoch ins Minus mit zuletzt 1,6 Prozent. "Sell on good news", hieß es aus dem Markt dazu. Anleger nutzten die guten Nachrichten zum Verkauf nach dem Kurszuwachs der zurückliegenden Wochen./ajx/jha/

- Von Achim Jüngling, dpa-AFX -