FRANKFURT (dpa-AFX) - Aktionärsvertreter pochen nach den Erfahrungen mit Online-Hauptversammlungen im Corona-Jahr 2020 auf eine stärkere Gewichtung von Aktionärsrechten bei künftigen Formaten. Die Pandemie habe "zu einem beispiellosen Anstieg virtueller Hauptversammlungen in der gesamten Europäischen Union geführt", stellte die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jella Benner-Heinacher, am Dienstag fest. "Folgen dieser Notstandsgesetze waren oft die Schwächung des Rede- und Fragerechts der Aktionäre sowie der verantwortungsvollen Ausübung ihres Stimmrechts."

Gemeinsam mit der europäischen Anlegerschutzvereinigung Better Finance hat die DSW analysiert, welche Erfahrungen dieses Jahr in verschiedenen Staaten mit Hauptversammlungen ohne Aktionärspräsenz gemacht wurden. Dafür wurden europaweit über die jeweiligen Aktionärsvereinigungen Anleger und deren Vertreter befragt. "Die Umfrage hat klar ergeben, dass aus Sicht der Aktionäre ein hybrides Modell der Hauptversammlung als Zukunftsmodell für EU-börsennotierte Unternehmen dienen sollte, da es das Beste aus beiden Welten kombinieren kann", fasste Benner-Heinacher die Ergebnisse zusammen.

Die klassischen Präsenzveranstaltungen böten vor allem Privatanlegern die Möglichkeit, sich mit dem Management und anderen Aktionären direkt auszutauschen. Ein wesentlicher Teil der Hauptversammlung, die Diskussion, gehe bei der Online-Variante verloren. Ein Vorteil der virtuellen Versammlung: man kann sich quasi von überall zuschalten.

Weil bei den jährlichen Aktionärstreffen in der Regel Tausende Menschen zusammenkommen, hatte der deutsche Gesetzgeber wegen der Pandemie in diesem Jahr erstmals erlaubt, Hauptversammlungen auch ohne vorherige Satzungsänderung online durchzuführen. Von dieser Ausnahmeregelung machten zahlreiche Unternehmen Gebrauch. Weil die Lage unsicher bleibt, verlängerte die Bundesregierung die Sonderregelung für virtuelle Aktionärstreffen bis Ende 2021.

Europaweit hielten der Studie zufolge zwei Drittel der Unternehmen in den jeweils führenden Aktienindizes der betrachteten Länder ihre Hauptversammlung 2020 rein als Online-Veranstaltung ab. In Frankreich waren es gar 100 Prozent der Unternehmen, in Großbritannien 95 Prozent, in Deutschland 90 Prozent./ben/DP/fba