DOHA (dpa-AFX) - Ein Jahr vor Beginn der Fußball-WM in Katar sieht Amnesty International in dem Golfemirat noch immer weit verbreitete Verstöße gegen die Rechte von Arbeitsmigranten. Fortschritte infolge von Gesetzesreformen stagnierten, "alte ausbeuterische Praktiken" gewännen wieder die Oberhand, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation. Katar setze Reformen nicht rigoros um, überwache ihre Umsetzung nicht und ziehe Verantwortliche für Verstöße nicht zur Rechenschaft. So seien Arbeitsmigranten weiterhin skrupellosen Arbeitgebern ausgeliefert.

Das Emirat hatte nach anhaltender internationaler Kritik eine Reihe von Reformen zu Gunsten der Arbeitsmigranten beschlossen. So baute Katar das Kafala-System ab. Dieses auch in anderen Ländern der Region verbreitete System bindet ausländische Arbeiter fest an einen einheimischen Bürgen wie einen Arbeitgeber. In Katar können Migranten nun laut Gesetz ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers ausreisen oder den Job wechseln. Zudem legte das Land einen Mindestlohn fest. Die UN-Arbeitsorganisation ILO sprach von einem "historischen Schritt".

Amnesty beklagt jedoch in dem neuen Bericht zahlreiche Verstöße, die ungeahndet blieben. Die Migranten seien trotz anderslautender Zusagen weiter an ihren Sponsor gebunden. Für Arbeitsmigranten sei es wieder zunehmend schwer, ohne Einwilligung ihres Arbeitgebers den Job zu wechseln. Vielmehr sähen sie sich Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt. Amnesty macht unter Katars Arbeitgebern starken Widerstand gegen die Gesetzesreformen aus. Die Regierung lehne Anträge auf einen Arbeitsplatzwechsel auch ab, ohne eine Erklärung zu geben. Löhne würden zurückgehalten, Arbeitgeber konfiszierten noch immer Pässe.

Die Menschenrechtsorganisation bemängelt zudem, dass viele Todesfälle unter den Arbeitsmigranten ungeklärt blieben. Im vergangenen Jahrzehnt seien Tausende überraschend und unerwartet gestorben. Trotz klarer Hinweise auf Hitzestress bleibe es extrem schwierig, zu erfahren, in wie vielen Fällen die Arbeitsbedingungen für den Tod verantwortlich seien. In den Totenscheinen sei üblicherweise nur die Rede von einer natürlichen Ursache oder Herzstillstand. Betroffene Familien blieben im Dunkeln und erhielten keine Kompensation.

Katar hat wiederholt Kritik an den Menschenrechten zurückgewiesen und auf die Reformen verwiesen. Von der Regierung hieß es, sie habe in den vergangenen zehn Jahren mehr als jedes andere Land getan, um die Bedingungen für ausländische Arbeiter zu verbessern. In dem reichen Golfemirat leben rund zwei Millionen Arbeitsmigranten. Sie kommen vor allem aus armen Ländern wie Bangladesch, Nepal oder Indien. Die Fußball-WM beginnt am 21. November 2022. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Rufe nach einem Boykott zu hören./jku/DP/nas