STUTTGART (dpa-AFX) - Trotz vielfältiger Belastungsfaktoren sehen Experten noch leichtes Erholungspotenzial an den Börsen. Dies setze aber insbesondere voraus, dass die Geldpolitik nicht zu sehr gestrafft werde und die Wirtschaft der Eurozone nicht im Zuge eines Lieferstopps von russischem Erdgas in die Rezession rutsche. Dann könnte der Rückenwind von der Konjunktur die Aktienmärkte stützen.

"Von der außerordentlichen Gemengelage an Risiken ist bereits viel in den Kursen berücksichtigt", sagte am Freitag etwa Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel, der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart. Der Fachmann geht in seinem Basisszenario davon aus, dass weder die USA noch Europa, China oder die Weltwirtschaft in diesem Jahr einen ausgeprägten wirtschaftlichen Abschwung erleiden, so dass die Aktienmärkte nach ihren deutlichen Verlusten seit Januar Ende des Jahres höher stehen könnten als aktuell.

Damit dieses positive Szenario aber eintritt, müssen Mumm zufolge in den USA und China unterschiedliche Gratwanderungen gelingen, um die dort jeweils vorherrschenden Risiken beherrschen zu können. So habe sich die Regierung in Peking mit ihrer Null-Covid-Strategie zur Eindämmung des Coronavirus in eine Sackgasse begeben und werde nun wohl zur Vermeidung einer Rezession langsame Öffnungen beschließen müssen, ohne die Inflation zu sehr anzutreiben.

Die US-Notenbank Fed wiederum muss laut dem Experten von Donner & Reuschel versuchen, bei der Bekämpfung der hohen Inflation die Zinsen nicht zu stark zu erhöhen, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. Steigende Zinsen verteuern Verbraucherkredite und Unternehmensinvestitionen.

Nach Auffassung des Chefvolkswirts der Commerzbank Jörg Krämer dürfte die Fed in den nächsten Monaten einige prononcierte Zinsschritte vornehmen, um die stark steigenden Preise zu bekämpfen. Mitte nächsten Jahres könnte die Notenbank den Leitzins dann auf 3,5 Prozent angehoben haben.

Das Manöver berge aber Risiken, mahnte der Experte mit Blick auf die Entwicklung nach 1945: "Nur bei jedem vierten Versuch gelang der Fed eine weiche Landung", sagte der Fachmann bei einem Vortrag auf der Invest. Sprich: In drei von vier Fällen sei die US-Wirtschaft nach Zinserhöhungen in die Rezession gerutscht.

Krämer zufolge ist ein Zinsniveau von 3,5 Prozent zwar im historischen Vergleich nicht so hoch. Zudem liege auf diesem Niveau auch der sogenannte "konjunkturneutrale Zinssatz", der die wirtschaftlichen Aktivitäten weder zu sehr dämpfe noch zu sehr antreibe. Dennoch bewege sich die US-Wirtschaft derzeit nahe an der Rezessionsschwelle. Das Risiko sei, dass bei einer zu scharfen Gangart der Fed die Nachfrage sinke und die Arbeitslosigkeit steige. Für den Aktienmarkt bleibt Krämer zufolge das Umfeld schwierig.

Etwas optimistischer äußerte sich auf der Invest Kapitalmarktstratege Robert Halver von der Baader Bank. Angesichts der konjunkturellen Dämpfungseffekte durch die Zinssorgen und den Krieg in der Ukraine dürfte sich der deutsche Leitindex Dax im Sommer zwar seitwärts bewegen, doch zum Jahresende hin könnte sich die Stimmung wieder etwas aufhellen. Denn selbst wenn die Europäische Zentralbank den Leitzins wie aktuell vom Markt erwartet bis Dezember auf ein Prozent erhöhen sollte, betreibe sie immer noch keine restriktive Geldpolitik. Schließlich dürfte Ende des Jahres der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation, weiterhin deutlich negativ sein. Damit würde sich Zinssparen unverändert nicht lohnen, und Aktien würden im Vergleich zu festverzinslichen Anlagen attraktiv bleiben./la/jsl/he