von Oskar Herbert

Düsseldorf, 16.10.2014: Der befürchtete Sturz der Anleihen ist da: Südeuropa-Anleihen suchen Käufer zu sinkenden Kursen. Nach Süden geht es auch mit den Renditen von Bundesanleihen. D.h. allerdings: Deren Kurse steigen auf ständig neue Rekorde.

Lange laufende Griechenland-Anleihen waren zuletzt bis auf mehr als 60% ihrer Nennwerte hochgekauft worden. Jetzt sind die Papiere wieder für 50% zu haben; etwa die 2%-Anleihe bis ?42. Und das dürfte kaum das Ende der finanziellen Herbstkrise 2014 sein. Die 4,75%-Italien-Anleihe bis ?44 ist jetzt für 115% zu haben. Zu Monatsbeginn waren noch rekordmäßige fast 120% dafür bezahlt worden. Hintergrund der eiligen Verkaufswünsche mögen zunächst Kreditgeschäfte sein: Wer Anleihen aus den finanziell kranken Südstaaten mit Geld aus Krediten gekauft hatte, der konnte in der jüngsten Vergangenheit massive Kursgewinne einstreichen. Kreditgeld haben z.B. Banken von der Europäischen Zentralbank EZB bekommen - zu besonders günstigen Konditionen. Massive Käufe haben die Kurse der Anleihen aus dem Euro-Krisenkeller in unglaubliche Höhen gezogen. Jetzt drücken Verkäufe die Kurse, damit die Kredite zurückgezahlt werden können. Eile ist geboten: Wer zu spät verkauft, den bestraft der Käuferstreik. Die Kurse sinken.

Euro-Polizei im Konjunktur-Keller

Jeder, der nicht nur Polit-Propaganda betreibt, weiß, dass die Wirtschaft in Südeuropa schwerlich aus dem Konjunktur-Keller kommen kann. Die Kaufkraft der Konsumenten fehlt. Die Zugkraft der Konjunkturen in den Groß-Wirtschaften Deutschland oder Frankreich fehlt. Entsprechend lässt sich dorthin wenig exportieren, sofern es denn überhaupt etwas zu exportieren gäbe. Die Deutschen stehen zunehmend am Pranger, weil ihr Finanzminister Schäuble lieber den Bundeshaushalt ausgleicht als europäischen Konjunktur-Differenzen. Die Franzosen stehen am Pranger, weil sie es nicht nur nicht schaffen, ihren Staatshaushalt ausgeglichen. Sie machen sogar noch mehr Schulden als es die "Euro-Polizei" erlaubt; also die Paragraphen der Staatsverträge. Und das alles passiert schon in einem Stadium, in dem die Ukraine-Krise noch gar nicht voll auf die Auftrags- und Wirtschaftszahlen durchschlägt. Es passiert, während die amerikanischen Konsumenten praktisch streiken. Das ist schlecht für Exporte, die aus China in die USA gehen. Und wenn Chinas Exporte schlecht gehen, dann gehen früher oder später auch die deutschen Exporte nach China schlecht und die vielen Firmen, die schon vor Ort in China produzieren.

Steigende Schulden, sinkende Renditen

Die Möglichkeiten sind klar vorgezeichnet: Die EZB ist mit ihrem Zinssenkungs-Latein am Ende. Der erhoffte Wirtschaftsaufschwung ist ausgeblieben. Also muss das europäische Spardiktat gelockert werden. Die Staaten werden mehr Schulden machen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Zur Finanzierung geben sie zusätzliche Anleihen aus. Und wenn sich dafür keine Investmentfonds, keine Lebensversicherungen und auch keine Privatanleger als Käufer finden lassen, dann kauft die EZB die Papiere - und zwar mit faktisch frisch gedrucktem Geld. Japan und die USA machen das schon lange so, ohne dass bislang Inflation ausgebrochen - und die Zinsen gestiegen wären. Im Gegenteil: Die Renditen sind gesunken.

5% Gewinn in einer Woche

Ohne dass die EZB bislang ihr Anleihen-Ankaufprogramm umgesetzt hätte, steht sie schon vor dem Europäischen Gerichtshof; verbotene Staatsfinanzierung! So lautet die Anklage. Selbst wenn die EZB jetzt kaufen würde und den Gerichts-Prozess im nächsten Jahr verlöre; welche Strafe soll es dann für die Rettung des Euro geben und für den Versuch, die Arbeitslosigkeit in den Ländern zu dämpfen und den Vormarsch radikaler politischer Euro-Gegner. Die Frage ist nur, wie tief die Anleihen erst sinken müssen, ehe EZB zugreift. Anleger greifen momentan zu Bundesanleihen: Die Richtung-weisende Bund?44-Anleihe ist innerhalb einer Woche von 116% auf 122% gestiegen. Die laufende Zinsrendite von 2% pro Jahr ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Der Kursgewinn beläuft sich auf 5%. Das sind zweieinhalb Mal die Jahreszinsen - und zwar in einer Woche. Und solange die Kurskrise der Süd-Anleihen anhält, solange wird wahrscheinlich auch der Kursanstieg der Bund-Anleihen anhalten. Für viele dieser Titel errechnen sich jetzt schon negative Renditen, wenn man den Verlust mitrechnet, der bei der Tilgung zum Nennwert 100% automatisch eintreten wird.

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