von Oskar Herbert

Düsseldorf, 22.01.2015: Komisch; noch bevor die Europäische Zentralbank EZB verkündete, nunmehr jeden Monat massiv Anleihen anzukaufen, sind die Kurse von Anleihen nicht etwa gestiegen: Sie sind gefallen! Anleger haben also sinkende Kurse in Kauf genommen, um ihre Papiere loszuwerden. Entsprechend ist die Umlaufrendite deutscher Anleihen bester Qualität ist gestiegen - und zwar deutlich: von 0,35% auf 0,44%.


EZB macht mehr als die FED

Die EZB beginnt im März mit dem Ankauf erstklassiger Anleihen. Die amerikanische Notenbank FED hat ihr derartiges Programm inzwischen beendet. Sie hatte zwischenzeitlich monatlich für 85 Mrd. Dollar US-Anleihen gekauft. Umgerechnet zum damaligen Dollar-Kurs waren das etwa 65 Mrd. Euro - als Fördermaßnahme für die US-Wirtschaft. Die US-Wirtschaft ist um etwa ein Drittel größer als die EU-Wirtschaft. Die europäische Notenbank pumpt also - vergleichbar gerechnet - viel mehr zusätzliches Geld in den Banken- und Wirtschaftskreislauf als es die amerikanische Notenbank getan hat. 60 Mrd. Euro, welche die EZB jeden Monat drucken will, sind etwa 3 Mrd. Euro pro Arbeitstag. Das wird in einem einzigen Monat mehr sein als z.B. der BMW-Konzern in einem ganzen Jahr weltweit umsetzt!


Drei Monate für Griechenland

Sofern die EZB ihren gesamten Einsatz nur auf Griechenland-Anleihen konzentrieren würde, hätten die Währungshüter schon in wenigen Monaten alle Griechen-Anleihen aufgekauft. Reichlich 300 Mrd. Euro schulden die Griechen aktuell ihren Geldgebern. Rechnerisch wären die EZB-Käufer also in fünf Monaten damit durch. Die Griechen-Schulden notieren bekanntlich unterhalb der Nennwerte. Sofern die - nur theoretischen Ankäufe - zu diesen Billigkursen erfolgen könnten, wäre das Thema vielleicht schon im Juni 2015 erledigt.


10% für Zittern

Das Problem ist nur: Die EZB darf gar keine Griechen-Anleihen ankaufen. Die Sicherheit der Papiere reicht nicht für die Ansprüche, welche die Notenbank stellt. Griechenland bleibt bei dem spektakulären Förderprogramm außen vor. Die neue Regierung, die jetzt für Athen gewählt wird, muss sehen, wo sie schon in den nächsten Wochen - noch bevor die Regierung überhaupt gebildet sein wird - neues Geld auftreibt, um fällige Schulden bedienen zu können. Die 4,75%-Anleihe, die Griechenland im vergangenen Frühjahr unter großem Jubel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise wieder am freien Markt aufnehmen konnte, ist momentan für 15% weniger als den Nennwert zu haben. Welcher Fonds oder welche Bank dieses Papier bei der Ausgabe gezeichnet hat und jetzt noch hält, der hat nach knapp einem Jahr am Kurs bereits so viel verloren wie drei Jahreszinsen. Die Anleihe über insgesamt 3 Mrd. soll schon in vier Jahren zurückgezahlt werden. Wer daran glaubt, der würde sich jetzt für diese Restlaufzeit knapp 10% Rendite einkaufen: als Lohn für?s Zittern. Kaum anders steht es um die zweite "Neu-Griechenland"-Anleihe. Sie wurde im Juli 2014 mit einem deutlich niedrigeren Kupon und kürzerer Laufzeit ausgegeben; 3,75% bis 17.7.2017. Dieses Papier ist jetzt ebenfalls für 85% zu haben. Die Rendite ist sogar ein Nuancen/Basispunkte höher als für die 19er-Anleihe.


Unternehmensanleihe gesucht

Die EZB will nicht nur Staatsanleihen ankaufen: Sie will auch erstklassige Unternehmensanleihen aufnehmen. Sofern mindestens eine Bonität von "BBB" als Maßstab gesetzt wird, sinkt die Zahl der Kandidaten; z.B. der 7,375%er der Linde AG. Die Anleihe mit stolzer Laufzeit bis 2066 ist derzeit für 109% von mindestens 100.000 Euro Nennwert zu haben. Die in Suchmaschinen angegebene Rendite von 6,5% hat jedoch einen Haken: Linde zahlt den Kupon von 7,375% nicht für alle Zeiten. Ab 15.7. nächsten Jahres sinkt der Kupon faktisch auf 4,125%. Die zusätzliche variable Komponente, der Drei-Monats-Eurozinssatz, ist zu vernachlässigen: Er wird noch auf lange Zeit auf kaum mehr als Null lauten. Obendrein kann Emittent Linde die Nennwerte dieser Anleihe von nur 20 Mio. Euro am 14.7.2016 zu 100% zurückzahlen. Dafür braucht die erfolgreiche Weltfirma aus München nicht die EZB sondern nur einen Griff in die Portokasse. Wer dann heute 109% für die "lange Linde" bezahlen würde, der macht nicht 6,5% Rendite sondern ein Minus-Geschäft.

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