FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Frank warnt vor einer Erleichterungs-Hausse an den Aktienmärkten, ihn erinnere der Hype einzelner Branchen an Schwarz-Weiß-Entscheidungen in einer Welt der Grautöne.

16. November 2020. FRANKFURT (pfp Advisory). War da was? Wichtige Indizes wie der DAX stehen wieder in Schlagdistanz zu ihren Allzeithochs. Gleichwohl ist es noch keine zwei Wochen her, dass bei vielen Aktionären und Fondsbesitzern Katzenjammer herrschte. Corona und die Ungewissheit vor den US-Wahlen hatten mächtig auf die Kurse gedrückt, der DAX war zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit Mai abgerutscht und einige Charttechniker orakelten von Durchbrüchen nach unten.

Zwei Wochen später herrscht scheinbar wieder eitel Sonnenschein. Der DAX hat seine zwischenzeitlichen Verluste wettgemacht, Shortseller und Crash-Propheten haben sich blutige Nasen geholt. Nachdem die Börsianer mit dem nicht ganz so glanzvollen Sieg Joe Bidens zunächst eher gefremdelt hatten, haben sie sich nun mit dem Ergebnis arrangiert. Insbesondere die Möglichkeit, dass die Republikaner im US-Senat ihre Mehrheit auch nach den Stichwahlen in Georgia im Januar behalten werden, wird jetzt eher als Chance gesehen, die Fantasien linker Demokraten blockieren zu können.

Ein Gutteil der Aktienrally der vergangenen Tage ist indes auf die Meldung zurückzuführen, dass der Impfstoff von Biontech und Pfizer in Studien einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19 geboten habe. Die Aussicht, nennenswerte Teile der Bevölkerung bis zum nächsten Sommer impfen und die wirtschaftlich schädlichen Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen beenden zu können, ließ die Aktienkurse auf breiter Front haussieren.

Auffallend deutlich gewannen Titel, die von einer Normalisierung des Wirtschaftslebens besonders stark profitieren würden, wie z. B. Tourismus, Luftfahrt oder Flugzeugbau. Umgekehrt verloren Unternehmen an Wert, die als Nutznießer der Lockdown-Ökonomie gelten, wie etwa Lieferdienste, Versandhändler, Videokonferenzanbieter oder Online-Apotheken.

So verständlich diese "Impfstoff-Rally" auch sein mag, ein wenig übertrieben erscheint sie doch. Erstens, da schließlich noch niemand weiß, wie wirksam der Impfstoff in verschiedenen Bevölkerungsgruppen ist, wie lange der Schutz vorhält und wie lange es wirklich dauern wird, bis der für eine Herdenimmunität erforderliche Teil der Bevölkerung geimpft sein wird. Überdies steckt der Teufel oft im Detail, so muss der Biontech-Impfstoff nach heutigem Stand aufwändig gekühlt werden, weshalb er sich für weniger entwickelte Staaten möglicherweise gar nicht eignet. Ich bin mir sicher: Für viele Probleme werden Lösungen gefunden werden. Aber es sind schon noch einige Hürden auf dem Weg zurück zur Normalität zu nehmen. Und es wird nicht schnell gehen. Geduld wird weiterhin nötig sein.

Zweitens dürfte das Hoffnungsfeuerwerk auch deshalb eine Übersteigerung sein, weil viele Kursverluste zuvor ebenfalls eine Übertreibung waren und diese Fehlentwicklungen jetzt teilweise wieder korrigiert werden. Gewiss: Es gibt Branchen, die werden nach Corona anders aussehen als vorher. Und einige Aktiengesellschaften werden Corona nicht überleben. In vielen Fällen wird sich die künftige Welt aber gar nicht so sehr von der Welt von gestern unterscheiden. Viele Entwicklungen wie etwa die Digitalisierung wurden nicht durch Corona initiiert, aber verstärkt und beschleunigt.

So sehr die Kursbewegungen der vergangenen Tage auch beeindrucken: Ich rate davon ab, einen Investmentprozess zu sehr von speziellen Ereignissen abhängig zu machen. In Werbemails von (oft unseriösen) Börsenbriefen ist das ja ein beliebtes Schema: Kommt Event A, folgt daraus Kursentwicklung B. Gerne verwenden Abzocker bunte Geschichten über noch unentdeckte Goldlagerstätten, geheime Ölfelder oder revolutionäre Krebsmedikamente.

Doch so einfach funktioniert Börse höchst selten. Niemand kann vorhersehen, ob ein Impfstoff im November 2020 kommt, im März 2021 oder vielleicht nie. Und welches der vielen forschenden Unternehmen ihn entdeckt und produziert. Es erscheint daher sehr riskant, sich bei der Geldanlage zu sehr auf bestimmte (gewünschte) Szenarien zu versteifen, auch wenn die "Story" noch so toll anmutet. Mich erinnert das an binäre Optionen, an die sich auch nur Spezialisten heranwagen sollten. Ein gegenüber Events robuster Investmentprozess sollte in Verbindung mit einem vernünftigen Grad an Diversifizierung langfristig zu besseren Anlageergebnissen führen.

von Christoph Frank.

16. November 2020, © pfp Advisory.

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)