FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Das EZB-Zinsverspechen lässt die Kurse von Bundesanleihen steigen, eine Leitzinsanhebung ist in weite Ferne gerückt. Italien muss wegen der politischen Lage nun höhere Zinsen zahlen.

15. Juni 2018. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die EZB-Entscheidung vom gestrigen Donnerstag hat deutsche Anleihen beflügelt. Wie erwartet kündigte die Notenbank an, ihr milliardenschweres Anleihekaufprogramm nochmals zurück zufahren und bis Ende des Jahres auslaufen zu lassen. Dazu kam das Versprechen, die Leitzinsen bis über den Sommer 2019 hinaus auf dem aktuellen Niveau zu belassen. "Eine echte Überraschung war auch das nicht, da die EZB schon vorher klargestellt hatte, dass zwischen dem Auslaufen des Anleihekaufprogramms und einer Zinserhöhung mindestens ein halbes Jahr liegen wird", bemerkt Arthur Brunner von der ICF Bank.

Dennoch schoss der Euro-Bund-Future nach den Verlautbarungen der EZB in die Höhe, am Freitagmorgen liegt er bei 161,29 Punkten, vor der Notenbanksitzung waren es noch 159,70 Zähler. Zehnjährige Bundesanleihen werfen wieder nur 0,38 Prozent ab, Anfang der Woche waren es noch 0,49 Prozent.

Positives Echo auf EZB-Entscheidung

"Endlich besteht Klarheit - zumindest bezogen auf das Wertpapierkaufprogramm der EZB", kommentiert Carsten Mumm, Chefvolkswirt von Donner & Reuschel. Der EZB-Rat lasse sich nicht durch die jüngste Verunsicherung im Zuge der Regierungsbildung in Italien beirren. "Das ist gut - anderenfalls wäre den politischen Akteuren in Europa jeglicher Handlungsdruck genommen."

"Mit ihrer Aussage, dass die Leitzinsen nicht vor Herbst 2019 erhöht werden sollen, ist die EZB konkreter geworden als viele erwartet hatten", meint Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Sie beuge damit Interpretationen vor, dass die erhöhten Inflationsprojektionen eine frühere Zinswende nach sich ziehen könnten, und zeige, dass sie im Zweifel durch einen ölpreisbedingten Anstieg der Inflationsrate hindurchschauen werde.

USA: vier Zinserhöhungen in diesem Jahr

Am Mittwoch hatte die US-Notenbank den Leitzins erwartungsgemäß angehoben und für den Rest des Jahres erstmals zwei statt nur einen weiteren Zinsschritt in Aussicht gestellt. Insgesamt kämen die Notenbanker damit auf vier Zinsschritte in diesem Jahr.

"Damit reagierte Jerome Powell auf die anhaltend guten Wirtschaftsdaten in den USA", bemerkt Klaus Stopp von der Baader Bank. Vor diesem Hintergrund sei es auch nicht verwunderlich, dass die "Forward Guidance" angepasst wurde. "Denn die Aussage, dass der Zins noch einige Zeit unter neutralem Niveau bleiben wird, ist in diesem wirtschaftlichen Umfeld nicht mehr vertretbar."

Für Italien wird es teurer

Etwas Ruhe eingekehrt ist bezüglich Italien, die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen liegen aktuell wieder bei 2,60 Prozent, nachdem sie in der Spitze auf über 3 Prozent geklettert waren. Gegenüber Anfang Mai, als es 1,76 Prozent waren, spiegeln sie aber immer noch ein deutlich höheres Risiko wider. Bei der Emission neuer Papiere diese Woche wurde Italien auch abgestraft, wie Brunner meldet. Ganz vergessen seien die Probleme nicht. "Für neue 30-jährige Staatsanleihen muss das Land nun 3,54 Prozent statt - wie bei der letzten Auktion - 2,88 Prozent zahlen, für siebenjährige Anleihen 2,37 statt 1,34 Prozent und für dreijährige 1,16 statt 0,07 Prozent."

Wenig Themen im Corporate-Bereich

Im Handel mit Unternehmensanleihen geht es derzeit eher ruhig zu. "Die Anleger schauen jetzt lieber die Fußball-WM", berichtet Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. "Gestern ab 17 Uhr, als das erste Spiel lief, war es wie abgeschnitten." Kleinere Käufe gab es allenfalls in Anleihen von Sixt ( WKN A2G9HU ) und Sixt Leasing ( WKN A2DADR ), wie der Händler feststellt. Papiere von Stada ( WKN A14KJP ) wurden hingegen abgeben.

Brunner zufolge gab es hohe Schwankungen in Anleihen der französischen Supermarktkette Casino Guichard-Perrachon ( WKN A1ZTGE ) und deren Muttergesellschaft Rallye ( WKN A19HW2 ). "Am Markt kursieren Gerüchte, dass die Zahlen nicht stimmen." Analysten sorgen sich um die komplizierten Unternehmensstrukturen und die hohe Verschuldung. "Diese Woche hat Casino angekündigt, Vermögenswerte in Höhe von 1,5 Milliarden Euro verkaufen zu wollen, um die Schulden bedienen zu können."

Was Neuemissionen für Privatanleger angeht, war wenig los, emittiert wurden lediglich Papiere mit hoher Stücklung. "Die Zurückhaltung war sicherlich auch Folge der Notenbanksitzungen", bemerkt Brunner. "Da wollte man abwarten."

von: Anna-Maria Borse

15. Juni 2018, © Deutsche Börse AG

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