FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - 13. August 2015. Nicht nur China schwächelt, auch Russland und Brasilien durchleben schwere Krisen. Nur das vierte Land im BRIC-Quartett, Indien, schlägt sich noch einigermaßen wacker.

Der Boom der BRIC-Staaten - das war gestern. Die vor fünfzehn Jahren vom Goldman Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill unter dem Schlagwort BRIC zusammengefassten Länder Brasilien, Russland, Indien und China hatten nach der Jahrtausendwende einen rasanten Aufschwung hingelegt, jetzt kriselt es. Brasilien leidet unter dem Verfall der Rohstoffpreise und Korruptionsskandalen, Russland unter den niedrigen Öl- und Gaspreisen und den Sanktionen des Westens infolge der Ukrainekrise. Chinas Wachstumsmotor stottert, mit dem Crash an den Börsen und den Eingriffen des Staates wurde zudem viel Vertrauen verspielt. Vergleichsweise gut steht lediglich Indien da, das Land ist weiter auf Wachstumskurs.

Brasilien: Wirtschaftliche und politische Krise

Zu den an der Börse Frankfurt rege gehandelten brasilianischen Aktien zählen der Ölkonzern Petrobras und der Rohstoffkonzern Vale. "Die beiden Titel stehen stellvertretend für die Wirtschaft des Landes, das stark von Rohstoffexporten, speziell von Öl und Gas sowie Eisenerz, abhängig ist", bemerkt Jan Vrbsky von der Baader Bank. Brasilien spüre die Schwäche des wichtigen Handelspartners China. "Nun kommt dazu, dass durch die Abwertung des chinesischen Yuan in dieser Woche für China der Import von Produkten teurer wird, was die Nachfrage nochmals drücken dürfte."

In diesem Jahr wird das BIP Brasiliens voraussichtlich um 2 Prozent schrumpfen, die Inflationsrate wird auf 9 Prozent geschätzt. Darüber hinaus durchleidet das Land im Moment eine schwere politische Krise, die Zustimmung für Prädentin Rousseff, die erst im vergangenen Oktober wiedergewählt worden war, ist dahingeschmolzen. Bei Fernsehauftritten von Rousseff machen Millionen Brasilianern ihrem Ärger Luft, treten ans Fenster und schlagen mit Kochlöffeln auf Töpfe. Die Wut hängt auch mit den angeblichen Verstrickungen von Rousseff in den Korruptionsskandal beim halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras zusammen.

Verluste an Moskaus Börse

Ähnlich angeschlagen zeigt sich Russland. "Die Probleme sind mit den brasilianischen vergleichbar: Sinkende Rohstoffpreise, Rezession und Verfall der Währung", meint Vrbsky. Für 2015 rechnet der IWF mit einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 3,4 Prozent. Die an der Börse Frankfurt gehandelten russischen Aktien beziehungsweise ADRs und GDRs, also aktienvertretende Zertifikate, geben daher kein gutes Bild ab, etwa Rosneft ( WKN A0J3N5 ( ROSNEFT OIL Aktie) ), Lukoil ( WKN 899954 ( LUKOIL Aktie) ) und Gazprom ( WKN 903276 ( GAZPROM Aktie) ). Der russische Aktienindex RTS hatte sich nach kräftigen Verlusten in der zweiten Jahreshälfte 2014 bis zum Mai dieses Jahres deutlich erholt, seitdem schwächelt der Index wieder.

Uralkali mit Kursgewinnen

Es gibt aber auch Ausnahmen: Vergleichsweise gut entwickelt hat sich der weltgrößte Kaliproduzent Uralkali ( WKN A0LBTV ( JSC URALKALI Aktie) ), wie Vorhauser feststellt - allerdings nach zwei Jahren mit heftigen Verlusten. Ende 2014 kostete der GDR an der Börse Frankfurt 9,30 Euro, jetzt sind es 13,23 Euro. "Uralkali hat viele Rückschläge erlebt, wegen der niedrigen Kalipreise und des starken US-Dollar." Dazu kam Ende 2014 noch die vorübergehende Stilllegung einer wichtigen Grube, in die Wasser eingelaufen war. "Jetzt wächst aber die Zuversicht, die Produktionsprognosen für 2015 sind von 10,2 auf 10,8 Millionen Tonnen angehoben worden." Die Exporte fielen zwar, auf dem Binnenmarkt seien aber Zuwächse zu verzeichnen. Auch der Übernahmekampf von K+S durch den kanadischen Potash-Konzern stütze den Kurs. "Die Lage hat sich stabilisiert."

Gemischtes Bild in Indien

Für Indien wird für dieses Jahr ein BIP-Plus von rund 8 Prozent erwartet. Allerdings bleiben - trotz der Reformen der Regierung Modi - die Probleme des Landes virulent: die korrupte Verwaltung, die mangelnde Ausbildung der Bevölkerung und die fehlenden Arbeitsplätze etwa. So hat der indische Aktienmarkt, der gemessen am Sensex zwischen 2013 und Anfang 2015 um rund zwei Drittel gestiegen war, seinen Höhenflug beendet. Zuletzt ging es zwar wieder aufwärts, unter dem Strich hat sich seit Jahresanfang aber nicht viel getan. Mit ADRs von Tata Motors ( WKN A0DJ9M ( TATA Aktie) ) oder der ICICI Bank ( WKN 936793 ( ICICI BANK Aktie) ) sowie GDRs der State Bank of India ( WKN 903136 ( STATE BANK OF INDIA Aktie) ) kommen Anleger sogar auf Verluste.

Nach Ansicht des Commerzbank-Chefvolkswirts Jörg Krämer malen viele noch immer ein viel zu positives Bild der Schwellenländer. Krämers größte Sorge: die gestiegenen Schulden der Unternehmen und Verbraucher in den Emerging Markets, die durch die lockere Geldpolitik auch in diesen Ländern entstanden sei. Allgemein befürchtet wird eine Verschärfung der Krise durch die voraussichtlich schon bald steigenden Leitzinsen in den USA.

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von Anna-Maria Borse, Deutsche Börse AG

© 13. August 2015

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)