FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Deutsche Aktien scheinen gegenüber US-Werten derzeit im Vorteil. Aus technischer Sicht lässt ein DAX-Ausbruch nach oben auf sich warten.

14. September 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Erleben wir gerade die Vorläufer eines stürmischen Herbstes am Aktienmarkt? Bislang nutzten Anleger nach der Mitnahme von Gewinnen insbesondere im US-Technologiesektor die günstigeren Kurse jeweils zum Einstieg. Schaffen die anstehenden Daten sowie die Entwicklung bei den Corona-Neuinfektionen wieder ein gewisses Maß an Zuversicht, dürfte die Korrektur bei den IT-Werten nach Ansicht von Chris-Oliver Schickentanz von der Commerzbank schnell vorüber sein.

Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank rechnet auf mittlere Sicht mit hohen Schwankungen und verweist darauf, dass sich der DAX einem möglichen Aktienmarkteinbruch in den USA kaum wird entziehen können. Auf Basis traditioneller Bewertungsmaßstäbe ergebe sich beim S&P 500 aktuell eine Überbewertung von rund 45 Prozent, beim DAX von 29 Prozent.

Neue Kriterien müssen her

Mit den herkömmlichen Maßstäben zur Ermittlung des fairen Wertes von Unternehmen kommt man nach Ansicht von Rubia in der aktuellen Phase hoher Aktienkurse allerdings nicht sehr weit. Es fehle ein sinnvoller Faktor, mit dem man die Gewinne von morgen abzinst, bevor man sie aufaddiert und den fairen Kurs schätzt. Diese Abdiskontierung werde meist mit einem Marktzins vorgenommen. In den USA nutze man beispielsweise den Libor, der mit drei Monaten Laufzeit mit 0,25 Prozent nahe null liege. Falle der Zins auf 0 Prozent - nach Ansicht Rubias keine abwegige Annahme - kämen heute und in zehn Jahren anfallende Gewinne etwa auf den gleichen Wert.

Schwankungen vorprogrammiert

Im Grunde genommen lasse sich bei einem Zinsniveau nahe 0 Prozent jedes Kursniveau rechtfertigen. "Es ist so, als ob die Schwerkraft aufgehoben wurde." Entfernten sich die Zinsen von der Nullgrenze nach oben, komme die Gravitation wieder zum Tragen und löse am Aktienmarkt einen Kurssturz aus. Schon die aufkommende Phantasie steigender Zinsen reiche, um erhebliche Verluste freizusetzen. "Deswegen wird der amerikanische Aktienmarkt auf absehbare Zeit sehr volatil bleiben."

US-Notenbank erklärt sich

Zumal die Federal Reserve am Mittwoch tagt und womöglich auf den Ende August angekündigten Strategieschwenk weg von einer festen Inflationsziel hin zu einem durchschnittlichen Teuerungswert eingehen wird. Zur Unterstützung der Konjunktur werden die Währungshüter wohl künftig auch längerfristig Teuerungsraten oberhalb der bisherigen Zielmarke von 2 Prozent tolerieren, ohne mit höheren Zinsen entgegenzusteuern. Anleger erhoffen sich weitere Details zur Bedeutung und Umsetzung dieser Entscheidung.

Marktteilnehmer erwarten übrigens im Rahmen ihrer Strategieüberprüfung einen ähnlichen Kurswechsel von der Europäischen Zentralbank und sind sich einig, dass die Leitzinsen dies- und jenseits des Atlantiks für sehr lange Zeit auf den niedrigen Niveaus verharren werden. Interessant wird nach Ansicht der Helaba sein, wie stark US-Notenbankchef Powell die Kongressparteien und das Weiße Haus zu weiteren fiskalpolitischen Maßnahmen drängen werden.

DAX-Bullen müssen sich gedulden

Technisch befindet sich der deutsche Aktienindex nach Ansicht Christoph Geyers von der Commerzbank derzeit in einer recht stabilen Lage. Seit einer Woche hielten sich hiesige Standardwerte besser als der Dow Jones Industrial. Auffällig sei, dass der US-Leitindex seinen Aufwärtstrend nicht habe halten können, während sich der DAX weiterhin innerhalb der Widerstandszone knapp über 13.000 Punkten bewege. Die DAX-Aufwärtstrendlinie sei ebenfalls noch intakt. Den Test der oberen Trendkanalbegrenzung hält Geyer zwar für möglich, ein Ausbruch nach oben werde aber vermutlich auf sich warten lassen.

Am Freitag verabschiedete sich der DAX mit 13.202,84 Punkten aus dem Handel und schaffte damit vergangene Woche ein gutes Plus. Am Morgen steht der deutsche Leitindex nach den ersten Handelsstunden gut 70 Punkte darüber.

Wichtige Konjunktur- und Wirtschaftsdaten

Dienstag, 15. September

11.00 Uhr. Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen und Lagebeurteilung September. Vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden starken Wirtschaftserholung im dritten Quartal wird sich vermutlich die Stimmung der Finanzmarktanalysten hinsichtlich der aktuellen Lage aufhellen. Die Konjunkturerwartungen bewegen sich laut DekaBank im Spannungsfeld nach oben revidierter Konjunkturprognosen und einer deutlichen Marktkorrektur. Unterm Strich dürfte ein kleiner Schritt nach oben gemacht werden.

Freitag, 18. September

Dreifacher Verfallstermin an wichtigen Terminbörsen weltweit.

von: Iris Merker

14. September 2020, © Deutsche Börse AG

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)