FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Frank analysiert die "Schockwellen" vergangener Kriege auf die globalen Wertpapiermärkte.

7. März 2022. FRANKFURT (pfp Adisory). Seit dem Angriff des von Wladimir Putin regierten Russlands auf die Ukraine ist die so genannte Friedensdividende nach der Wende 1989/90 endgültig aufgebraucht. Auch in Deutschland, das mit Blick auf die eigene Vergangenheit aus gutem Grund seit dem Zweiten Weltkrieg eine eher pazifistische Außenpolitik verfolgt hat, gab es unter dem Druck der Ereignisse in der Ukraine und der atomaren Bedrohung eine abrupte Kehrtwende. Die Ampelkoalition trägt nicht nur die Sanktionen "des Westens" wie das Einfrieren von Vermögenswerten der russischen Zentralbank in der EU und den Ausschluss Russlands aus dem Interbanken-Kommunikationssystem Swift mit, sondern gab auch ihre Zurückhaltung in der Rüstungspolitik auf. Rund 100 Milliarden Euro will sie in die Modernisierung der Bundeswehr stecken und die jährlichen Verteidigungsausgaben erhöhen.

Am härtesten trifft der Krieg die Menschen in der Ukraine, denen mein persönliches Mitgefühl gilt. Im Rahmen dieser Börsenkolumne will ich mich jedoch auf die Folgen des Kriegs für die Ökonomie beschränken. Denn auch an den Börsen gab es seit dem Zusammenbruch des Kommunismus eine Friedensdividende. Gelder, die vorher in Rüstung und Verteidigung geflossen waren, konnten in andere, oft produktivere Projekte investiert werden. Das brachte zusätzliche Wohlstandsgewinne für Produzenten und Konsumenten, mit tendenziell positiven Auswirkungen auf Unternehmensgewinne und Aktienkurse.

Seit Russland am 21. Februar die von prorussischen Separatisten proklamierten "Volksrepubliken" Lugansk und Donezk anerkannte bzw. am 24. Februar mit der Invasion begann, sind viele Aktienmärkte auf Talfahrt. Dabei ist eine klare Tendenz zu beobachten: Je näher am Kriegsgebiet der betrachtete Aktienmarkt liegt, desto stärker fallen tendenziell seine Kursverluste aus. So sind die direkt in den Krieg verwickelten Staaten Ukraine und Russland am stärksten betroffen. Der Ukrainian Traded Index fiel alleine seit dem 24. Februar um etwa ein Viertel. Sein russisches Pendant Russian Traded Index ist seit dem Beginn der Sanktionen vom Handel ausgesetzt und hatte zuvor binnen weniger Stunden rund 40 Prozent verloren. Der OMX Baltic 10, der zehn besonders liquide Aktien aus den baltischen Staaten umfasst, büßte rund 10 Prozent ein, ebenso wie der heimische DAX. Dagegen behaupteten die US-amerikanischen Indizes S&P 500 und Nasdaq Composite bis Freitagabend ihr Terrain.

Bereits in der Vergangenheit haben Kriege Schockwellen an den Börsen verursacht. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, verlor der Dow Jones Industrial Average, für den ausreichend lange Zeitreihen vorliegen, innerhalb kurzer Zeit beträchtlich an Wert. Erst als sich ab 1942 abzuzeichnen begann, dass die Achsenmächte den Krieg verlieren würden, erholte sich das Börsenbarometer wieder und stand nach dem Sieg der Alliierten sogar höher als zu Kriegsbeginn. Für den deutschen Aktienmarkt liegen für diese dunkle Epoche keine durchgehenden Zeitreihen vor, zudem herrschte ab 1943 Zwangsbewirtschaftung und die Aktienkurse waren per Kursstoppverordnung künstlich fixiert. Fest steht, dass deutsche Aktien nach der Währungsreform 1948 in D-Mark gerechnet rund 90 Prozent unter ihren Reichsmark-Notierungen von 1943 eröffneten.

Starke Kurseinbrüche waren auch während des Koreakriegs 1950 und nach der irakischen Invasion in Kuwait 1990 zu verzeichnen. Beispielsweise verlor der heimische DAX vom 2. August 1990, dem Beginn des irakischen Angriffs, bis zum Tief im Januar 1991, rund 29 Prozent.

Gerade wenn Kriege länger dauern, ist es aber oft fragwürdig, als "Grund" für die Kursverluste alleine das Kriegsgeschehen heranzuziehen. Schließlich gibt es selbst während eines Kriegs auch andere kursbeeinflussende Faktoren. Unstrittig ist indes: Bisher wurden die während früherer Kriege anfallenden Kursverluste bei US-amerikanischen Indizes oder im hiesigen DAX allesamt komplett aufgeholt und meist schon nach wenigen Jahren neue Höchststände erreicht.

Grund zur Sorglosigkeit besteht trotzdem nicht. Denn ein besonders kritisches Szenario hat es in der bisherigen Börsengeschichte glücklicherweise noch nicht gegeben: das eines atomaren Kriegs. Wie viele andere mag ich mir eine teilweise oder totale atomare Verseuchung und/oder Zerstörung Europas nicht vorstellen. Mit Blick auf die Ereignisse der vergangenen Tage kann man ein derartig infernalisches Szenario aber leider nicht hundertprozentig ausschließen. Welche Zäsur das bedeuten würde, dürfte jedem klar sein. Eine Blaupause aus der Börsengeschichte gibt es für diesen Fall glücklicherweise nicht.

Allenfalls die Kubakrise könnte eine vage Vorahnung vermitteln. Schließlich blickte die Welt seinerzeit am tiefsten in den Abgrund einer direkten militärischen Konfrontation zwischen den beiden damaligen Supermächten USA und UdSSR bzw. eines möglichen Atomkriegs.

Allerdings war die Kubakrise im engeren Sinne außerordentlich kurz, was Rückschlüsse erschwert. Der S&P 500 verlor in diesen zehn Tagen im Oktober 1962 etwas mehr als 4 Prozent bzw. annualisiert rund 68 Prozent. Wie gesagt: eine vage Andeutung, mehr nicht. So oder so können wir nur hoffen, dass es nicht zu einer atomaren Eskalation kommt - als Anleger wie als Erdenbürger.

von: Christoph Frank, 7. März 2022, © pfp Advisory

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (WKN A3CM1J). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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