FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Frank skizziert mögliche bleibende Folgen der Pandemie-Politik auf das Wirtschaftssystem über Brancheneffekte hinaus. Und sieht eine aus seiner Sicht gefährliche Verstaatlichung der Wirtschaft.

14. Dezember 2020. FRANKFURT (pfp Advisory). Kürzlich sah ich einen Film aus den achtziger Jahren wieder. Der Protagonist feierte seinen 60. Geburtstag und blies inmitten von Verwandten und Freunden 60 Kerzen auf einer großen Torte aus. Mich durchzuckte ein komischer Gedanke: Ist es nicht unverantwortlich, erst seine Viren über den Kuchen zu pusten und dann die Stücke an alle Gäste zu verteilen?

Ich erschrak über mich selbst. Als ich die Szene in den achtziger Jahren sah, stand für mich die Frage im Vordergrund, ob der (damals mir uralt erscheinende) Mann es schaffen würde, alle 60 Kerzen in einem Atemzug auszublasen. Heute, in Zeiten von Corona, sah ich vor allem ein potenzielles Super-Spreader-Event.

Wird es diesen Brauch in einigen Jahren überhaupt noch geben? Oder werden wir uns in der Nach-Corona-Ära wundern, wie verantwortungsvolle Eltern so etwas auf Kindergeburtstagen jemals zulassen konnten? Ich weiß es nicht. Ich denke aber, dass sich die Gesellschaft in den kommenden Jahren an den Virus gewöhnen wird. Sie wird lernen, mit ihm zu leben, auch wenn uns in den vergangenen Tagen schmerzhaft ins Bewusstsein drang, dass dies sehr viel länger dauern könnte als erhofft, Impfstoffe hin oder her.

Einiges wird aber definitiv nicht mehr in den Zustand "vor Corona" zurückkehren können, das sollte jedem klar sein. Auch, weil sich unsere Wahrnehmung verändert hat: Homeoffice kann funktionieren, das haben während der vergangenen Monate selbst hartnäckige Verweigerer lernen müssen. Nicht jede Geschäftsreise ist nötig, manche lässt sich durch eine Video-Konferenz ersetzen.

Interessant sind auch die weniger offensichtlichen Folgen, die oft Ableitungen der direkten Konsequenzen sind. Mehr Homeoffice bedeutet natürlich mehr Bedarf an Essenslieferungen, Möbeln und IT-Strukturen für zuhause. Hier sind die Profiteure offensichtlich. Es bedeutet aber auch, dass im Schnitt weniger Gewerbeflächen für das gleiche Arbeitszeitvolumen gebraucht werden. Negativ betroffen sind also Unternehmen aus der Gewerbeimmobilienbranche, während Wohnimmobilienfirmen eher zu den Gewinnern gehören.

Die Frage nach Einsparpotenzialen aus dem niedrigeren Bedarf an Gewerbeflächen und der reduzierten Reisetätigkeit gehörte in den vergangenen Monaten zu meinen Standardfragen bei den Meetings mit Vorständen. Alle Gesprächspartner ließen durchblicken, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen, aber die Spannbreite der Antworten war breit: Während einige ihre Mitarbeiter am liebsten sofort und vollumfänglich ins Büro zurückholen würden, würden andere Homeoffice gerne als neuen Normalzustand etablieren. Die Mehrheit ordnet sich zwischen diesen Extremen ein, oft fiel bezüglich der Büropräsenzquote das Zitat "70 ist das neue 100". Das aber wiederum bedeutet, dass im Schnitt durchaus 30 Prozent der aktuellen Gewerbeflächen obsolet werden könnten. Nicht sofort, schließlich gibt es oft lang laufende Mietverträge, aber mittelfristig eben schon. Ein Vorstandsvorsitzender drückte es konkret so aus: "Herr Frank, die nächsten drei Jahre können wir unsere gewohnten 10 Prozent Wachstum p. a. ohne ein einziges neues Büro sicherstellen, und das werden wir auch tun." Die Konsequenzen sollten klar sein.

Homeoffice und berufliche Reisetätigkeit sind nur zwei Beispiele, dass sich das Nachdenken über die Zustände "nach Corona" auch für Anleger lohnen kann. Die Konsequenzen selbst und ihr Ausmaß sind ex ante oft nicht leicht zu erkennen.

In einem anderen, eher makroökonomischen Feld bin ich mir dagegen sicher, dass die Welt "nach Corona" eine andere sein wird als vorher: bei der Rolle des Staates. Der Trend weg von der Marktwirtschaft hin zu einer Staatswirtschaft, der in den vergangenen 15 Jahren bereits unübersehbar begonnen hat, wird sich vor allem in Europa intensivieren. Statt Wettbewerb, ordnungspolitischer Klarheit und unvermeidlichen Insolvenzen wird heute "gerettet", was das Zeug hält. Hunderte von Milliarden werden plötzlich "lockergemacht", um die zu retten, die am lautesten schreien und/oder die das in den Augen von Politikern am meisten "verdienen". Das sind selten mittelständische Unternehmen, die nicht mächtig genug sind und eine zu schwache Lobby haben, sondern häufig Industriekolosse aus vergangenen Zeiten mit großen PR-Abteilungen und guten Pressekontakten, die nicht selten auch ohne Corona in Turbulenzen gekommen wären.

Wie sagte Angela Merkel doch einst: "Der Staat muss Gärtner sein und darf nicht Zaun sein, wenn er Wachstumspolitik betreiben will." Ich kann nur hoffen, dass Wettbewerb und Leistungsprinzip von unseren selbsternannten Gärtnern nicht zu sehr zurückgedrängt werden und der Einfluss von politischer Ideologie und der Zugang zu gefälligen Politikern mit "ihren" Milliarden für den unternehmerischen Erfolg nicht zu dominant werden. Denn eine überbordende Staatswirtschaft wird den Rückstand Europas im Vergleich zu dynamischeren Regionen weiter vergrößern und unser aller Wohlstand gefährden.

Ich habe allerdings so meine Zweifel, dass Politiker, die zweifellos Gefallen daran finden, sich als "Retter" aufzuspielen, dieses mächtige und verführerische Instrument so bald aus der Hand geben werden. Gehen die Corona-Wirtschaftsexperimente gut, können sich unsere "Gärtner" als Helden feiern lassen. Schlagen Sie fehl, war eben das böse Virus schuld.

Auch während der Finanzkrise 2008/09 wurde anfangs noch beteuert, dass die "unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen" zeitlich befristet seien und ein "Exit" kommen werde. Inzwischen ist dieses Wort in der Diskussion fast verschwunden. Offenbar herrscht die Befürchtung vor, dass ein Ausstieg aus dem geldpolitischen Ausnahmezustand zu viel Porzellan zerschlagen würde. Also wird eben immer weiter "gerettet". Ich kann leider nicht ausschließen, dass Europa so schnell auch keinen "Exit" aus der Corona-Wirtschaftspolitik mehr finden wird und die Staatswirtschaft noch lange bleibt.

von Christoph Frank,

14. Dezember 2020, © pfp Adivisory

Über den Autor: Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)