FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - 27. November 2014. Anleger und die indische Bevölkerung erhoffen sich vom neuen Präsidenten Modi eine wirtschaftliche Wende. Erste Ansätze scheinen vielversprechend.

Nahezu unbemerkt vom Rest der Welt hat sich Indien in den vergangenen Monaten einen kleinen Boom erarbeitet. Um 5,8 Prozent soll die indische Wirtschaft in diesem Jahr laut Internationalem Währungsfonds wachsen. Die Prognose für 2015 lautet 6,4 Prozent. Damit glänzt das Land nicht nur im Vergleich zu Schwellenländern wie Brasilien und Russland.

"Seit Mai hat Indien mit Narendra Modi an der Spitze eine neue, als wirtschaftsfreundlich geltende Regierung", erklärt Walter Vorhauser von der Close Brothers Seydler Bank. Diese sei angetreten, um Reformen auf den Weg zu bringen, die Steuerlast für Privatpersonen zu senken und die Staatsfinanzen zu sanieren. Auch die Änderung der Regeln für ausländische Investitionen stünden auf der Agenda.

Das Vertrauen ist da

Finanzinvestoren scheinen überzeugt. Der indische Leitindex Sensex hat in diesem Jahr eine Rallye von 21.000 auf 28.000 Punkte hingelegt. Jan Vrbsky von der Baader Bank verbucht dies unter Vorschusslorbeeren für die neue politische Führungsriege. "Denn auf der Ebene der Realwirtschaft ist eigentlich noch nichts passiert." Die Kreditvergabe befinde sich auf dem niedrigsten Stand seit 13 Jahren und eine industrielle Kapazitätsauslastung von 70 Prozent sei für ein Schwellenland katastrophal. Auch brauche Indien ähnlich wie China ein Wachstum von mindestens 8 Prozent, um das Land voran zu bringen. "

Günstiger Moment

Einen großen Teil des aktuellen Enthusiasmus verdankt Indien nach Ansicht des Wirtschaftsmagazins Economist übrigens schlichtem Glück. Der starke US-Dollar treffe das Land kaum, während er in anderen Emerging Markets zu Kapitalabflüssen führe. Ebenso wenig wirke der Nachfragerückgang nach Vorprodukten und Rohstoffen aufgrund eines schwächeren chinesischen Wachstums. Auch die japanische Konkurrenz gestützt vom fallenden Yen durch die expansive Geldpolitik der japanischen Notenbank müsse das Land nicht fürchten, denn es baue überwiegend auf Dienstleistungen.

Auf der anderen Seite profitiere Indien als großer Importeur vom dramatischen Fall des Ölpreises und freue sich über den damit einhergehenden Rückgang der bislang zu hohen Inflation.

Erste Schritte gegangen

"Immerhin ist es Modi in seiner kurzen Amtszeit bereits gelungen, das bislang unterkühlte Verhältnis zu China aufzubrechen", unterstreicht Vorhauser die ersten Erfolge des Präsidenten. Die Errichtung zweier chinesischer Gewerbeparks auf indischem Grund verbunden mit Investitionen in Höhe von 6,8 Milliarden Euro seien beispielsweise bereits beschlossene Sache.

"Während einer Geschäftskonferenz zwischen indischen und chinesischen Firmen wurden zudem Verträge mit einem Umfang von rund 3,4 Milliarden Euro unterzeichnet", weiß Vorhauser. Modi ziele auch auf die Verbesserung der Beziehungen zum Nachbarn Australien. "Bis 2016 soll ein Freihandelsabkommen zwischen beiden Staaten stehen."

Indische Aktien im Aufwind

Unternehmen wie Tata Motors ( WKN A0DJ9M ( TATA Aktie) ) profitieren von der neuen Indien-Euphorie, wie Vbrsky beobachtet. Die Aktie des Mischkonzerns hat seit Jahresbegin von 20 auf 36 Euro zugelegt und liege damit rund 80 Prozent im Plus. Der Aktie der State Bank of India ( WKN 903136 ( STATE BANK OF INDIA Aktie) ) gelang im gleichen Zeitraum eine Verdoppelung von 20 auf 40 Euro. Dagegen wirke die Steigerung von 20 auf 26 Euro des Versorger Reliance ( WKN 884241 ( RELIANCE INDUSTRIES Aktie) ) geradezu bescheiden.

Von 9 auf 10 Euro rauf ging es für das Wertpapier des indischen IT-Dienstleister Wipro ( WKN 578886 ( WIPRO LTD Aktie) ), und über eine beeindruckende Rallye freuen sich Investoren der ICICI Bank ( WKN 936793 ( ICICI BANK Aktie) ). Lag die Aktie Anfang Januar noch bei 26,50 Euro, ist sie derzeit für 45,70 Euro zu haben. Das entspricht immerhin einem Plus von etwa 72 Prozent. "ICICI ist mit seinen 275.000 Mitarbeitern weltweit mit Online-Präsenzen vertreten", bemerkt Vorhauser. Nun plane die größte indische Privatbank aus Kostengründen den Abbau von Arbeitsplätzen und die Aufrüstung auf eine neue Technologieplattform.

"Indische Aktien werden in Europa nicht direkt gehandelt, sondern als ADR, was für American Depositary Receipt steht". erklärt Vrbsky. Diese von amerikanischen Banken ausgegebenen Hinterlegungsscheine verbriefen das Eigentum an den Aktien, die eins zu eins abgebildet werden. "Abgesehen vom Stimmrecht haben ADR-Besitzer die gleichen Rechte wie Aktieninhaber."

von Iris Merker, Deutsche Börse AG

© 27. November 2014

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