FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Wachsende Rezessionssorgen und Skepsis über die Unternehmensprognosen erhöhen die Unsicherheit - einerseits. Andere erinnern an die alte Börsenweisheit, dass das Sentiment unbemerkt drehen könnte.

25. Juli 2022 Frankfurt (Börse Frankfurt). Trotz heißer Temperaturen ist eine Sommerpausean den Aktienmärkten nicht in Sicht. Zwar haben sich die Kurse jüngst leicht erholt, dennoch bleibt Unsicherheit dominant. "Die bereits pessimistische Anlegersentiment und das niedrige DAX-Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11 hätten zwar kurzfristig die Aktienmärkte gestützt, erklärte Andreas Hürkamp von der Commerzbank. "Zunehmende Rezessionssorgen und fallende Gewinnerwartungen dürften die Aktien aber mittelfristig belasten."

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Der DAX steht folglich am Montagmorgen knapp unter 13.200 leicht im Minus. Am Freitag war er mit 13.254 Punkten aus dem Handel gegangen. In Asien fällt der Hang Seng um 0,9 Prozent auf 20.425, der Shanghai Composite um 0,6 Prozent auf 3.250, der CSI 300 mit den 300 wichtigsten Titeln des Festlandes gab ebenfalls um 0,6 Prozent nach auf einen Stand von 4.212 Punkten. In Tokyo verliert der Nikkei 0,7 Prozent hinzu und steht bei 27.699. "Die asiatischen Aktienmärkte geben zu Beginn einer wichtigen Woche nach, denn die Sorge um eine weltweite Konjunkturabkühlung schwächt die Risikobereitschaft", kommentiert Jim Reid von der Deutschen Bank.

Christian Apelt von der Helaba ergänzt: Es fließe zwar wieder Gas aus Russland, aber ohne neue Gasquellen oder deutlich weniger Verbrauch bleibe Europa abhängig: "Die Angst vor dem Gasstopp lastet weiter auf Wirtschaft und Finanzmärkten, auch wenn der Gaspreis etwas zurückgekommen ist." Auch die Regierungskrise in Italien ziehe über den Sommer Kreise: Neuwahlen stünden an, nachdem Ministerpräsident Mario Draghi zurückgetreten war. "Ausgang ungewiss", kommentiert Apelt.

Schwankungsanfällig durch den Sommer

Robert Halver von der Baader Bank schaut indessen etwas optimistisch nach vorn: Sicherlich bleibe das Börsenparkett aufgrund der vielen Unsicherheiten rutschig und schwankungsanfällig. "Doch sollte die schwarze Stimmung, die unzählige Kapitalsammelstellen in unglaublich viel Cash baden lässt, die vorhandenen Lichtblicke wie günstige Aktienkurse nicht abdunkeln." Insgesamt werde der Sommer die Erkenntnis liefern, dass der Gipfel des Börsenpessimismus hinter uns liege und die Bodenbildung abgeschlossen sei.

Zunächst sieht Hürkamp aber erst einmal weiteren Gegenwind von den Notenbanken auf die Märkte zukommen: Die US-Notenbank FED sollte am Mittwoch die Leitzinsen in den USA um 75 Basispunkte erhöhen. Einen noch größeren Zinsschritt schließen die meisten Ökonomen aus: "Aufgrund der zunehmenden Signale einer wirtschaftlichen Abschwächung ist ein noch größerer Schritt unwahrscheinlich", fasst Hürkamp zusammen.

USA in der Rezession?

Wie es um die wirtschaftliche Lage in den USA bestellt ist, wird sich am Donnerstag zeigen. Dann steht die Veröffentlichung der wirtschaftlichen Entwicklung der weltgrößten Volkswirtschaft im zweiten Quartal im Terminkalender. Der zweite Rückgang in Folge würde technisch eine Rezession bedeuten.

Konjunktursorgen begleiten auch das Börsengeschehen hier zu Lande weiter. So dürfte das ifo-Geschäftsklima (Montag) rückläufig gemeldet werden. Am Freitag werden Deutschland und die Eurozone voraussichtlich geringe Wachstumsraten ihres Bruttoinlandsprodukts melden.

Quartalszahlen positiv, Ausblicke eher vorsichtig erwartet

Indessen sollten die Quartalszahlen von BASF, Mercedes-Benz (jeweils Mittwoch), HeidelbergCement, Volkswagen und Linde (jeweils Donnerstag) überzeugen. "Doch wir erwarten aufgrund einer sich abschwächenden Konsumnachfrage recht vorsichtige Ausblicke auf das zweite Halbjahr", prognostiziert Hürkamp. In den USA ziehen vor allem Technologieunternehmen Bilanz, darunter Microsoft und Alphabet am Dienstag, Meta am Mittwoch und Apple sowie Amazon am Donnerstag. "Wir sehen das Risiko, dass aufgrund des anhaltend schwachen US-Wirtschaftswachstums die Gewinnerwartungen für die Nasdaq 100-Unternehmen in den kommenden Monaten nach unten drehen werden", schaut Hürkamp voraus.

"Zum Einstieg wird nicht geklingelt"

Optimistischer ist die Einschätzung Halver zu Technologie-Werten: "Die abebbende Zinsangst wird den Tech-Aktien zugutekommen." Mittlerweile habe sich deren Überbewertung beruhigt. Fundamental würden viele Tech-Unternehmen ohnehin über sehr valide Geschäftsmodelle verfügen. "Es spricht viel dafür, dass die High-Tech-Branche, die den allgemeinen Almabtrieb der Aktienmärkte angeführt hat, auch die sein wird, die für den Auftrieb verantwortlich ist." Sein Fazit: Noch scheinen Anleger*innen den Sommerurlaub abzuwarten, bevor sie größere Anlagen tätigen wollen. Doch sollten die teilweise sehr günstigen Aktienkurse in den konjunkturreagiblen Branchen, aber auch im High-Tech-Bereich, für erste allmähliche Zukäufe genutzt werden. "Auch wenn es ein Kalauer ist, aber an der Börse wird zum Einstieg nicht geklingelt."

Wichtige Konjunktur- und Wirtschaftstermine der Woche

Montag, 25. Juli 2022

10:00 Uhr. Deutschland: ifo-Geschäftsklima, Juli

Nach einem Rückgang im Juni ist ein weiterer Rückgang von 92,3 auf 90,4 Punkte Konsens unter Ökonomen.

Mittwoch, 27. Juli 2022

8:00 Uhr. Deutschland: GfK-Konsumklima, August

Nach -27,4 Punkten im Juli ist ein Abrutschen auf -30,0 Punkten Konsens-Meinung für den August.

20:00 Uhr. USA: FOMC-Zinsentscheid

Ökonomen der DekaBank stellen fest, dass die FED die Leitzinsen zu spät zu erhöhen begonnen habe. Nun sei sie bestrebt, zumindest den neutralen Leitzinsbereich sehr rasch zu erreichen. Hierzu sei am Mittwoch eine Anhebung um 75 Basispunkte notwendig. "Die große Frage ist, wie es danach weitergeht." Der Wechsel von einer akkommodierenden zu einer restriktiven Geldpolitik sei mit hoher Unsicherheit behaftet. Das bedeute, dass sich die Einschätzungen der FOMC-Mitglieder, Analysten und Markteilnehmer kurzfristig gravierend ändern können. Bislang gelte es aber als relativ sicher, dass im September eine weitere Zinsanhebung von 50 bis 75 Basispunkten folge.

Donnerstag, 28. Juli 2022

14:30 Uhr. USA: Bruttoinlandsprodukt, Zweites Quartal

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in den USA nach Einschätzung der DekaBank vermutlich auch im zweiten Quartal geschrumpft. "Dies bedeutet nicht zwingend, dass sich die US-Wirtschaft in einer Rezession befindet", weisen die Ökonomen hin: In den USA entscheide hierüber ein Komitee, welches nicht nur die BIP-Entwicklung beachtet, sondern beispielsweise auch den Arbeitsmarkt. Ohnehin wird mit dem zweiten Quartal die jährliche Benchmark-Revision veröffentlicht. Diese kann größere Änderungen auch in der jüngeren Vergangenheit beinhalten. Im zweiten Quartal dürften negative Wachstumsbeiträge von den Lagerinvestitionen sowie von den Wohnungsbauinvestitionen gemeldet werden. Die Konsum- und Investitionsdynamik war zudem sehr schwach.

Freitag, 15. Juli 2022

8:00 Uhr. Eurozone: Bruttoinlandsprodukt, zweites Quartal

Die DekaBank erwartet ein geringfügiges Wachstum, das in Deutschland im EWU-Vergleich unterdurchschnittlich, in Frankreich hingegen überdurchschnittlich ausfallen dürfte.

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)