NECKARSULM (dpa-AFX) - Nach wie vor gilt der IT-Dienstleister Bechtle als Gewinner der Corona-Krise. Das Unternehmen profitiert unter anderem davon, dass Firmen und Behörden ihre IT-Systeme für den Trend zur Heimarbeit umrüsten. Dies bescherte Bechtle auch im zweiten Quartal eine starke operative Entwicklung. Zudem zeichnet sich das Unternehmen durch eine beachtliche Anzahl an Firmenzukäufen und deren erfolgreiche Integration in den Unternehmensverbund aus. Die Anleger honorierten die jüngste Entwicklung und verhalfen der Aktie zu einem Rekordhoch. Wie die Lage im Unternehmen ist, was Analysten sagen und wie die Aktie zuletzt gelaufen ist.

LAGE DES UNTERNEHMENS:

Ende September feierte Bechtle mit dem nach eigenen Angaben 100. Firmenkauf seiner Unternehmensgeschichte ein eindrucksvolles Jubiläum. Neueste Erwerbung ist die Softwarefirma Dataformers mit 55 Mitarbeitern aus dem österreichischen Linz. Die erste Firma übernahm Bechtle im Jahr 1993 und damit zehn Jahre nach seiner eigenen Gründung.

Im zweiten Quartal dieses Jahres machte der IT-Dienstleister trotz der Corona-Krise überraschend viel Gewinn. Im Onlinehandel mit IT-Produkten bekam Bechtle zwar die Kaufzurückhaltung von Kunden deutlich zu spüren, beim Management von IT-Systemen in Firmen und Behörden konnte das Unternehmen aber weiter punkten. "Die Nachfrage nach IT-Infrastruktur und IT-Dienstleistungen ist auch und gerade in Zeiten von Corona gut", betonte Unternehmenschef Thomas Olemotz.

Das Management geht auch weiterhin davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen im Jahresverlauf wieder normalisieren. "Vorausgesetzt eine zweite Welle bleibt aus, blicken wir unverändert optimistisch auf den weiteren Jahresverlauf", sagte Olemotz. Umsatz und Vorsteuerergebnis sollen 2020 weiter um mehr als fünf Prozent zulegen - das Ergebnis dabei möglichst etwas stärker als der Umsatz.

Bechtle vertreibt IT-Produkte und bietet Dienstleistungen sowie Beratungen rund um das Thema IT-Infrastruktur an. Als Ein-Mann-Unternehmen 1983 gegründet, hat Bechtle in Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen 75 IT-Systemhäuser sowie 24 IT-Handelsgesellschaften in 14 Ländern Europas. Die Mitarbeiterzahl beträgt rund 12 000, davon 8800 in Deutschland. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz 5,4 Milliarden Euro, der Nettogewinn lag bei 170,5 Millionen Euro.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

"Bechtle profitiert von seiner breiten Aufstellung", stellt Analyst Thorsten Reigber von der DZ Bank einen aus seiner Sicht entscheidenden Vorteil des IT-Hauses heraus. Vor allem im Geschäft mit der IT-Sicherheit habe das Unternehmen viel zu bieten: Von Software-Anwendungen über die Cloud und Netzkriminalität bis hin zur Sicherheit am Arbeitsplatz reichten die Produkte und Angebote für Sicherheit.

Im Vergleich zum zweiten Quartal werde sich das Wachstum im zweiten Halbjahr nochmals beschleunigen, prognostiziert Reigber. Und auch darüber hinaus seien die Perspektiven aussichtsreich. "Mittel- bis langfristig dürfte Bechtle seinen Marktanteil ausbauen und die anstehende Marktkonsolidierung gezielt für kleinere Übernahmen nutzen".

Gustav Froberg von der Berenberg Bank wertete das zweite Quartal als Talsohle, von der aus es wieder aufwärts gehen sollte. In den Monaten April bis Juni hätten die Corona-bedingten Restriktionen europaweit das Geschäft im IT-E-Commerce-Segment belastet. Sollte sich dieses Szenario nicht wiederholen, dürften sowohl der Umsatz als auch die Profitabilität im zweiten Halbjahr zulegen.

Froberg wie auch DZ-Bank-Experte Reigber legen allerdings bei der Bewertung den Finger in die Wunde. Laut Reigber ist im Kurs bereits viel Positives eingepreist. Im Vergleich zu Wettbewerbern sei die Bechtle-Aktie ambitioniert bewertet.

Ähnlich urteilt Berenberg-Analyst Froberg: "Sowohl eine Beschleunigung des Wachstums im zweiten Halbjahr als auch ein prozentual zweistelliges Gewinnplus in der Zeit danach sind im Aktienkurs hinreichend berücksichtigt." Beide Analysten raten daher nur zum Halten der Aktien - wie auch die meisten anderen Experten in ihren jüngsten Einschätzungen.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Für die Aktionäre war 2020 bislang ein erfolgreiches Börsenjahr. Nach der durch das Coronavirus bedingt schweren Kursdelle im Frühjahr ging es fast nur noch aufwärts. Seit Jahresbeginn beträgt der Anstieg etwas mehr als 40 Prozent. Damit hat sich Bechtle deutlich besser geschlagen als der europäische Technologiesektor , in dem die Aktien ebenfalls enthalten sind. Diese bringen es im Börsenjahr 2020 bislang lediglich auf ein Plus von 8,5 Prozent.

Zwar mussten auch die Bechtle-Aktien im Februar und März dem weltweiten Ausverkauf an den Börsen wegen des Coronavirus Tribut zollen: Sie sackten in dieser Phase um mehr als 40 Prozent auf unter 80 Euro ab. Anschließend ging es aber steil bergauf, schon Anfang Mai waren die coronabedingten Verluste aufgeholt. Anschließend ging es weiter nach oben, zwischenzeitliche Rücksetzer wurden immer wieder für Käufe genutzt.

An diesem Montag stiegen die Papiere von Bechtle auf ein weiteres Rekordhoch bei 179,40 Euro. Der Börsenwert des Neckarsulmer Unternehmens beläuft sich mittlerweile auf fast 7,5 Milliarden Euro. Allerdings gelten die Papiere am Markt als nicht besonders liquide und daher eher schlecht handelbar. Von den 42 Millionen Bechtle-Aktien zählen nur gut 26 Millionen zum Streubesitz.

Seit Anfang 2015 summieren sich die Kursgewinne auf rund 450 Prozent, seit Anfang 2010 sogar auf fast 1800 Prozent. Auf Zehnjahressicht hat sich Bechtle damit knapp sieben Mal besser entwickelt als der MDax, in dem die Aktie seit einer Index-Neuordnung der Deutschen Börse neben der TecDax-Notiz gelistet ist.

Besser als Bechtle haben sich in den vergangenen zehn Jahre nur wenige deutsche Aktien aus den großen Indizes entwickelt. Zu ihnen zählt unter anderem der kleinere Konkurrent Cancom , dessen Anteile seit Anfang 2010 um etwas mehr als 2100 Prozent zulegten. Gemessen am Marktwert hat Bechtle aber deutlich die Nase vorn, da Cancom hier gerade mal auf 1,7 Milliarden Euro kommt.

Bechtle liegt mit seinen insgesamt mehr als sieben Milliarden Euro Börsenwert knapp im oberen Drittel des MDax und damit auf Augenhöhe der beiden Dax-Schlusslichter Covestro und MTU . Hauptprofiteur des Börsen-Höhenflugs der vergangenen Jahre ist die Familie des Mitgründers Gerhard Schick mit 35 Prozent. Der Streubesitzanteil von Anlegern mit weniger als 3 Prozent Anteil beträgt rund 40 Prozent./edh/bek/ag/ck/he