MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Autobauer BMW hat wie andere aus der Branche daran zu knabbern, dass nicht genügend Chips für die Produktion vorhanden sind. Doch alles halb so wild bei den Münchenern: Kürzlich erst erhöhte der Dax-Konzern die Margenprognose für das Kerngeschäft. Wie Rivale Daimler dürften auch die Weißblauen für das dritte Quartal starke Zahlen vorlegen, wenn Vorstandschef Oliver Zipse an diesem Mittwoch (3. November) die Bücher öffnet. Was bei BMW los ist, was Analysten davon halten und wie die Aktie läuft.

DAS IST LOS BEI DEN MÜNCHENERN:

Nach dem zweiten Halbjahr warnte BMW-Finanzchef Nicolas Peter noch: Die Ergebnisdynamik werde sich im zweiten Halbjahr abschwächen, turnusmäßig stünden für neue Fahrzeuganläufe auch höhere Investitionen an. Nicht zuletzt würden Währungen und Rohmaterialpreise ins Gewicht fallen. Sowieso übt sich die Branche derzeit wegen der fehlenden Halbleiter in Geduld, weil ausbleibende Liefermengen bei den Chips sich in weniger Produktion und Verkäufen niederschlagen. Zum Halbjahr rechnete man in München noch damit, ohne die Lieferschwierigkeiten im Jahr wohl bis zu 90 000 Autos mehr verkaufen zu können.

Doch ganz so eilig hat man es bei BMW womöglich gar nicht mit dem Aufholen in der Fertigung - denn Ende September hieß es plötzlich aus München, zwar laste die angespannte Liefersituation auch in den kommenden Monaten auf Produktion und Absatz. Die anhaltend günstigen Preiseffekte bei Neu- und Gebrauchtwagen dürften die negativen Auswirkungen auf das Ergebnis aber überkompensieren. Kurzerhand hob der Konzern die Renditeaussichten für die Autosparte im Gesamtjahr an. Allerdings war BMW dieses Jahr bei Prognoseerhöhungen wegen des Tagesgeschäfts bislang auch zurückhaltender als die deutsche Konkurrenz.

Nun geht BMW für 2021 von 9,5 bis 10,5 Prozent operativer Marge vor Zinsen und Steuern im Automobilbau aus. Vorher waren 7 bis 9 Prozent Umsatzrendite angepeilt worden. Auch die Finanzdienstleistungssparte dürfte noch einmal mehr verdienen - die Eigenkapitalrendite soll jetzt zwischen 20 und 23 Prozent liegen.

Die hohe Nachfrage nach Autos in der Konjunkturerholung bei gleichzeitig geringem Angebot treibt die Preise in die Höhe. BMW muss wie auch andere Autohersteller derzeit wenig Rabatte geben, weil die Lieferzeiten lang sind und Kunden - oft Firmen und Autovermieter - die Autos gerne früher hätten. Hohe Gebrauchtwagenpreise sorgen wiederum dafür, dass Leasingrückläufer teurer verkauft werden können als zuvor gedacht, was die Finanzsparte erfreut, die die Leasingautos in der Bilanz hat.

Ohnehin kam BMW im vergangenen Quartal bei den Auslieferungen an Kunden vergleichsweise gut weg. Während der VW-Konzern ein Viertel weniger Fahrzeuge auslieferte als im Vorjahreszeitraum, war es bei BMW über alle Marken nur ein Minus von gut zwölf Prozent. Die lukrative Stammmarke konnte den Rückgang auf zehn Prozent begrenzen.

Dass ein bloßer Rückgang bei den Verkäufen im derzeitigen Umfeld für die Gewinne wenig bedeutet, zeigte Ende vergangener Woche auch der Daimler-Konzern. Der Absatz von Mercedes-Autos und Vans ging um 30 Prozent zurück, der Umsatz in der Sparte nur um ein Prozent. Unter dem Strich verdienten die Stuttgarter dank ihrer starken Finanzdienstleistungen sogar deutlich mehr als vor einem Jahr.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Eine Gewinnsteigerung sollte es nach Meinung von Analysten auch bei BMW gegeben haben. In der Autosparte wird das Ergebnis vor Zinsen und Steuern laut der von Bloomberg ausgewerteten Schätzungen um rund sieben Prozent auf 1,59 Milliarden Euro zugelegt haben, was einer Marge von 7,2 Prozent entspricht - ein halber Prozentpunkt mehr als vor einem Jahr.

Insgesamt rechnen acht befragte Experten mit einem Konzernumsatz von 26,1 Milliarden Euro, das ist nur etwas weniger als vor einem Jahr mit 26,3 Milliarden. Das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern hat demnach um ein Drittel auf 2,55 Milliarden Euro zugelegt, was zu einem großen Teil auch der Finanzsparte zu verdanken sein dürfte. Unter dem Strich rechnen die Fachleute mit einem Gewinnanstieg von einem guten Fünftel auf 2,2 Milliarden Euro.

Die Profitabilität der Autosparte dürfte auf einem hohen Niveau geblieben sein, schrieb Goldman-Sachs-Analyst George Galliers zuletzt. Er rechnet sogar mit einer operativen Marge im Kerngeschäft von 8,3 Prozent. Ausschlaggebend ist dem Experten zufolge die gute Entwicklung der Preise und des Absatzmix hin zu teureren Autos. Auch die Finanzdienste und die Motorradsparte sollten die starken Ergebnisse aus dem ersten Halbjahr untermauern können.

Die Äußerungen von BMW werfen Bernstein-Experte Arndt Ellinghorst zufolge bereits auch ein positives Licht auf 2022. Im ersten Quartal stehe die Vollkonsolidierung des chinesischen Gemeinschaftsunternehmens BBA (BMW Brilliance Automotive) an - das bleibe ein sehr positives und wichtiges Ereignis, so der Analyst nach der Prognoseerhöhung. Kommendes Jahr stockt BMW den Anteil an dem Gemeinschaftsunternehmen von 50 auf 75 Prozent auf. Bisher bilanziert BMW die China-Geschäfte vor Ort nur als Beteiligungsergebnis und nicht in Umsatz und operativem Ergebnis.

Die Analysten insgesamt sind unentschieden, was die Entwicklung der Aktie angeht, aber eher auf der positiven Seite. Von 14 Experten, die sich seit der Prognoseerhöhung zu den Papieren geäußert haben, raten sieben zum Kaufen und sieben zum Halten. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei gut 107 Euro und damit rund 20 Euro über dem aktuellen Kurs.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Angesichts der im Branchenumfeld vergleichsweise guten Nachrichten gehört die Aktienkursentwicklung eher zu den Schwachpunkten der Münchener. Zwar ging es dieses Jahr für die im Dax notierte Stammaktie bislang um etwas mehr als 20 Prozent nach oben. Andere Branchenvertreter können aber durchaus mehr aufweisen, zuvorderst der Erzrivale Daimler mit einem Aufschlag von mehr als der Hälfte. Auch Volkswagen schneidet mit der Vorzugsaktie besser ab, die Titel der VW-Dachholding Porsche SE erst recht.

Und so liegt BMW im europäischen Sektorvergleich des Stoxx 600 Europe Automobiles & Parts nur im oberen Mittelfeld. Auch im Dax taucht BMW dieses Jahr nicht in den vorderen zehn Rängen auf. Der BMW-Kurs hat bei knapp 90 Euro auch nur das Niveau aus dem ersten Halbjahr 2018 - von den Höhen um 120 Euro aus dem Frühjahr 2015 ganz zu schweigen.

Spannend wird in den kommenden Jahren zu beobachten sein, wie sich die BMW-Papiere im Branchenwandel hin zu Elektroantrieben schlagen. Nach dem iX3 bringt BMW gerade mit dem größeren SUV-Flaggschiff iX und dem sportlichen i4 zwei weitere vollelektrische Modelle auf den Markt.

Chef Zipse hat auch die Elektrostrategie insgesamt nachgeschärft - stellt aber weiter die strategische Technologieoffenheit ins Schaufenster und will Brennstoffzellen genauso wenig abschreiben wie Verbrenner in manchen Weltregionen. VW-Chef Herbert Diess hingegen hat sich mit wenigen Ausnahmen auf den reinen Batterieantrieb eingeschossen, Mercedes-Benz will wo immer möglich bis 2030 rein elektrisch sein.

Ob die Anleger und vor allem die großen Profiinvestoren aus den USA Zipses Marschrichtung goutieren, wird sich erst noch erweisen müssen. Bislang scheint ihr Urteil klar: Sie tragen eher dem US-Elektropionier Tesla das Geld ins Haus und setzen damit scheinbar alles auf die reine Elektrokarte. BMW (57 Mrd), Volkswagen (125 Mrd) und Daimler (93 Mrd) kommen beim Börsenwert derzeit zusammen auf 275 Milliarden Euro. Tesla wird von den Anlegern auf umgerechnet 1 Billion Euro taxiert - und damit auf mehr als das Dreieinhalbfache aller deutschen Autobauer-Aktien zusammen./men/zb/he