MÜNCHEN (dpa-AFX) - Die deutschen Autokonzerne gingen aus der Corona-Krise im Jahr 2020 gestärkt hervor. Selbst der Chipmangel konnte BMW , Mercedes-Benz und Volkswagen bei den Finanzzahlen erstaunlich wenig Kratzer zufügen. Wie sieht die Lage nun mit dem Krieg in der Ukraine aus? Nicht nur in München bei BMW sind die Auswirkungen schon deutlich spürbar. Wie die Lage ist, was Analysten sagen und wie die Aktie läuft.

DAS IST LOS BEI BMW:

Der große Konkurrent Mercedes-Benz konnte zuletzt für das abgelaufene Schlussquartal glänzende Zahlen vorlegen. Auch bei BMW sind die Erwartungen hoch, vor allem, weil BMW besser mit der Chip-Misere klar kam als die Wettbewerber. Ob BMW aber noch einen ähnlich selbstbewussten Ausblick geben kann wie jüngst noch der Stuttgarter Rivale, das steht mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine mehr und mehr in den Sternen. Kommende Woche Mittwoch (16. März) steht bei den Münchenern die Bilanzvorlage 2021 und der Ausblick aufs laufende Jahr an. Doch das Unternehmen legt in aller Regel bereits spätestens in der Vorwoche der Jahreskonferenz die Zahlen mit dem Dividendenvorschlag auf den Tisch.

Die Autobauer profitieren von einem robusten Preisumfeld, in dem sie wegen langer Lieferzeiten kaum Rabatte geben müssen. Paradoxerweise hilft dabei gerade der Mangel an Halbleitern, weil die Zahl der auf den Markt kommenden neuen Fahrzeuge durch die Produktionsausfälle begrenzt ist, was die Preise bei hoher Nachfrage hochtreibt. Die Preiseffekte bei Neu- und Gebrauchtwagen überkompensierten bei BMW die negativen Auswirkungen der Teileknappheit. Wie bei Mercedes fuhr auch BMW in den vergangenen Quartalen ungewöhnlich hohe Margen ein, obwohl die Verkäufe mehr und mehr unter Druck kamen.

Ob sich das aber in dieses Jahr fortschreiben lässt, das wird wohl die spannendere Frage. Denn mit Kremlchef Wladimir Putins Krieg werden die Karten neu gemischt. BMW drosselte mit Beginn dieser Woche die Produktion im Stammwerk in München genauso wie im größten europäischen Werk in Dingolfing, Kurzarbeit wurde beantragt. Es fehlen Kabelbäume aus der Ukraine. Der Kabel- und Bordnetzspezialist Leoni mit Sitz in Nürnberg will die fehlenden Kapazitäten aus zwei ukrainischen Werken auffangen und beliefert die Kunden derzeit aus Marokko, Tunesien, Serbien und Rumänien.

Zusätzlich zu den ohnehin drohenden Rohstoffkostensteigerungen durch knappe Lieferkapazitäten im Welthandel droht nun auch ein Mangel an Energie und weiteren Rohmaterialien - und entsprechend rasant anziehenden Kosten.

Immerhin konnte BMW wie seit Jahren geplant bei seinem chinesischen Produktions-Gemeinschaftsunternehmen kürzlich die Mehrheitsübernahme vollziehen. Von BMW Brilliance Automotive (BBA) gehören BMW jetzt mittelbar 75 Prozent. Aus der Mehrheitsübernahme wird ein Sonderertrag von sieben bis acht Milliarden Euro erwartet, der aus der Neubewertung der bisherigen Anteile stammt. Dafür hatte BMW aber im Oktober 2018 für den Zukauf auch 3,6 Milliarden Euro locker gemacht.

Das in China ausgeweitete Geschäft wird sich im laufenden Jahr wegen Konsolidierungseffekten aber noch nicht spürbar auf die operative Marge auswirken. Dabei gilt das Chinageschäft als besonders lukrativ. Wie bei anderen deutschen Autobauern ist die Volksrepublik auch bei BMW der größte Einzelmarkt.

Interessant bleibt auch die strategische Wachstumszielsetzung von BMW-Chef Oliver Zipse. Während Mercedes-Chef Ola Källenius demonstrativ darauf verweist, dass es ihm nicht um die Krone bei den Absatzzahlen, sondern um Rendite geht, will Zipse den Absatz noch deutlich vor Ende des Jahrzehnts von 2,5 Millionen auf 3 Millionen Autos ausbauen. Im vergangenen Jahr hatte die Münchener Stammmarke BMW erstmals seit Mitte der vorherigen Dekade die Spitze im weltweiten Absatz von Premiumautos von den Stuttgartern zurückerobert.

WAS DIE ANALYSTEN SAGEN:

HSBC-Analyst Henning Cosman sah in einer Studie Mitte Februar die Effekte der Mehrheitsübernahme in China vom Markt noch nicht ausreichend anerkannt. Vor allem das Erwirtschaften hoher Mittelzuflüsse in den kommenden Jahren sei positiv zu werten. Das und die Möglichkeit hoher Ausschüttungen könnten seiner Meinung nach Kurstreiber sein. Auch das Abschneiden mit einem Absatzplus von acht Prozent im vergangenen Jahr sei stark gewesen.

Patrick Hummel von UBS erwartet aus der Mehrheitsübernahme eine Sonderdividende von rund zwei bis drei Milliarden Euro und damit rund vier Euro je Aktie - allerdings erst im Jahr 2023. Der Sonderertrag werde erst im Jahr 2022 wirksam. Unter dem Strich dürfte das Geschäft den Gewinn je Aktie um rund 15 Prozent erhöhen. Im operativen Ergebnis ergebe sich aus der Kaufpreisallokation allerdings ein jährlicher negativer Effekt im hohen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich, der aber nicht zahlungswirksam sei.

Weil die Mehrheitsübernahme sich nicht grundlegend auf die operative Marge im Automobilbau auswirke, dürfte BMW wie üblich acht bis zehn Prozent Umsatzrendite in dem Segment anpeilen, schrieb Hummel. Den Ausblick auf den Barmittelzufluss erwartet er aber dennoch stark.

JPMorgan-Experte Jose Asumendi schätzte Mitte Januar in einer Studie, dass BMW mit einem starken Schlussspurt die Margenziele des Jahres 2021 noch leicht übertreffen könnte. Zuletzt hatte Finanzchef Nicolas Peter die obere Hälfte der Spanne von 9,5 bis 10,5 Prozent operativer Marge im Autogeschäft in Aussicht gestellt.

Die von der Nachrichtenagentur Bloomberg bis Dienstag befragten Experten rechnen 2021 mit einem Umsatzplus von gut 12 Prozent auf 111,2 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sollte sich demnach mit 13 Milliarden Euro mehr als verdoppelt haben (VJ: 4,83). Im Autogeschäft kalkulieren die Fachleute mit einer operativen Marge von rund 10,5 Prozent. Unter dem Strich wird ein Überschuss von 11,2 Milliarden Euro erwartet - fast das Dreifache des Vorjahreswerts von 3,86 Milliarden Euro. Die Dividende dürfte nach den 1,90 Euro je Stammaktie für 2020 nun auf gut 5 Euro steigen.

Fürs laufende Jahr gingen die Experten zuletzt von einem weiteren Umsatzplus auf 121 Milliarden Euro aus, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern könnte weiter auf 13,4 Milliarden anziehen. Bei der Marge im Autogeschäft rechnen die Analysten im Schnitt mit 9,1 Prozent, also einem Rückgang zum starken vergangenen Jahr. Die Schätzungen sind aber nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine mit Vorsicht zu genießen.

Insgesamt ist die Stimmung von Experten zum BMW-Papier verhalten optimistisch. Fünf der elf von der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX in diesem Jahr erfassten Stimmen raten zum Kauf der Aktie, fünf zum Halten. Die Investmentbank Kepler Cheuvreux rät zum Reduzieren der Position. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei knapp 110 Euro - also deutlich über dem in den vergangenen Wochen deutlich unter Druck geratenen Kurs.

WAS DIE AKTIE MACHT (Stand 08. März, 14 Uhr):

Nachdem die im Dax notierten BMW-Stämme sich in den vergangenen zwei Jahren nahezu stetig weiter aus dem Corona-Tief aufschwangen, versetzte ihnen der Krieg in der Ukraine im neuen Jahr einen neuerlichen Absturz. Ins neue Jahr starteten die Papiere mit fast 89 Euro. Mittlerweile sind die Aktien aber auf 72 Euro abgesackt - im laufenden Jahr ein Minus von fast einem Fünftel. Kurz zuvor waren sie Mitte Januar sogar auf etwas über 100 Euro gestiegen. So teuer waren sie zuletzt im Jahr 2015.

BMW hat sich damit auch auf etwas längere Sicht schlechter entwickelt als Papiere des von der Aufspaltung getriebenen Mercedes-Benz-Konzerns (ehemals Daimler). Gegenüber dem Stand von vor drei Jahren tritt die BMW-Aktie beim Kurs auf der Stelle. Mercedes-Benz gewannen fast 40 Prozent. Auch der europäische Branchenindex aus Autobauern und -zulieferern hat BMW mit einem Plus von sechs Prozent in dieser Zeit etwas voraus. Der Dax gewann rund 13 Prozent.

An der Börse wird BMW derzeit mit 47 Milliarden Euro bewertet. Mercedes-Benz - nun vergleichbarer mit den Bayern als früher, als das Unternehmen noch die schweren Trucks dabei hatte - steht mit 62 Milliarden Euro deutlich höher in der Investorengunst, auch wenn BMW mittlerweile wieder mehr Premiumautos der Stammmarke verkauft als die Stuttgarter. Eine Rolle dabei könnte spielen, dass Mercedes-Benz keinen großen Ankeraktionär besitzt wie BMW und sich folglich bei den Schwaben immer wieder mal Spekulationen um mögliche Übernahmen regen. Bei BMW haben mit einem Stimmrechtsanteil von zusammen fast 47 Prozent die Erben der Industriellenfamilie Quandt das Sagen, Susanne Klatten und ihr Bruder Stefan Quandt.

Spannend wird in den kommenden Jahren zu beobachten sein, wie sich die BMW-Papiere im Branchenwandel hin zu Elektroantrieben schlagen. BMW hat nach dem iX3 mit dem größeren SUV-Flaggschiff iX und dem sportlichen i4 zwei weitere vollelektrische Modelle auf den Markt gebracht. Chef Oliver Zipse hat die Elektrostrategie insgesamt nachgeschärft - stellt aber demonstrativ weiter die strategische Technologieoffenheit ins Schaufenster und will Brennstoffzellen genauso wenig abschreiben wie Verbrenner in manchen Weltregionen. VW -Chef Herbert Diess hingegen hat sich mit wenigen Ausnahmen auf den reinen Batterieantrieb eingeschossen, Mercedes-Benz will wo immer möglich bis 2030 rein elektrisch sein./men/ngu/he