FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Christoph Frank setzt sich kritisch mit der Idee auseinander, der Staat könne stärker im Wettbewerb mitspielen und einzelne Unternehmen gezielt fördern wollen.

25. Februar 2019. FRANKFURT (pfp Advisory). "Ebenso wie beim Fußballspiel der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen. Die Zuschauer würden es den Spielpartnern auch außerordentlich übel nehmen, wenn diese vorher ein Abkommen geschlossen und dabei ausgehandelt haben würden, wieviel Tore sie dem einen oder anderen zubilligten. Die Grundlage aller Marktwirtschaft bleibt die Freiheit des Wettbewerbs."

Was Ludwig Erhard, "Vater des Wirtschaftswunders" und langjähriger Bundeswirtschaftsminister, im Herbst 1963 bei seiner Regierungserklärung sagte, hat auch 55 Jahre später nichts von seiner Gültigkeit verloren. Vielleicht sollte sich das sein Amtsnachfolger Peter Altmaier einmal zu Herzen nehmen. Denn leider liest sich dessen "Nationale Industriestrategie 2030" in Teilen so, als würde er die CDU noch weiter weg von der Marktwirtschaft Erhard'scher Prägung Richtung Planwirtschaft führen wollen.

Der Staat solle "nationale wie europäische Champions" schaffen und deshalb für einen befristeten Zeitraum auch Unternehmensanteile kaufen können, heißt es darin. Sogar ein konkretes Ziel für den Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung für 2030 gibt Altmaier an: 25 Prozent hierzulande und 20 Prozent in der EU. Und am verwunderlichsten: Er nennt einige seiner Ansicht nach besonders schützenswerte Großkonzerne wie ThyssenKrupp oder Siemens namentlich. Ich unterlasse eine Bewertung an dieser Stelle, da pfp Advisory einzelne Unternehmen und Aktien öffentlich sehr zurückhaltend kommentiert.

Die Lenker dieser Firmen werden Altmaiers Ansichten jedenfalls mit großer Freude vernommen haben. Denn implizit heißt das ja nichts anderes, als dass die von ihm auserwählten Konzerne in den Genuss von Privilegien kommen, die für Mittelständler und andere nach Altmaiers Ansicht weniger wichtige Gesellschaften nicht gelten. Der Wind des Wettbewerbs dürfte für seine auserwählten "Champions" also weniger rau wehen als für den Rest. Wenn Altmaier es für nötig hält, könnte er einen Liebling also schon einmal mit einem 2:0-Vorsprung ins Spiel starten lassen.

Das ist nun wirklich ganz und gar nicht im Sinne Erhards. Dessen Vision war es vielmehr, dass auf dem Spielfeld der Wirtschaft für alle Spieler die gleichen Regeln gelten sollten. Nach seiner Vorstellung soll der Staat die Rolle des Schiedsrichters einnehmen, also einen Ordnungsrahmen für den ökonomischen Wettbewerb schaffen und die Freiheit der Bürger auf dem Markt gewährleisten. Staatsinterventionismus und zentrale Wirtschaftsplanung lehnte Erhard ab.

Wohlstand entsteht durch Wettbewerb, der den technischen Fortschritt und die Effizienz befördert. Dominierende Unternehmen bilden sich wiederum, weil sie im freien Wettbewerb die Produkte und Dienstleistungen anbieten, die die Konsumenten als besonders nützlich und kaufenswert empfinden, und nicht durch staatliche Intervention. Denn natürlich liefern Millionen von Endabnehmern mit ihren tagtäglichen Kaufentscheidungen viel bessere Informationen über die relative Attraktivität von Produkten und Dienstleistungen als ein einzelner Zentralplaner, selbst wenn er Peter Altmaier heißt. Welche Zukunftschancen diese Angebote haben, lässt sich ebenfalls viel besser aus dem Wettbewerbsprozess ableiten als aus der willkürlichen Einschätzung einzelner Politiker in Berlin oder Brüssel, in welchen Bereichen eine Wirtschaft angeblich "abgehängt" sei.

Schon was ein "deutscher Champion" ist oder sein sollte, darüber lässt sich trefflich streiten. Ganz sicher sollte das weder vom deutschen Wirtschaftsminister noch von mir noch von irgendeiner anderen einzelnen Person festgelegt werden. Für mich beispielsweise sind einige willkürlich herausgegriffene DAX-Konzerne nicht schützenswerter als die vielen deutschen Mittelständler, egal, ob sie aus dem MDAX oder SDAX stammen oder nicht börsennotiert sind. Für diese oft höchst innovativen Mittelstandsfirmen könnte Peter Altmaier eine Menge tun: Bürokratie abbauen, übertriebene Regulierung beseitigen, Steuern und Abgaben senken, vernünftige Energiepreise gewährleisten, eine tragfähige Infrastruktur sicherstellen, für fairen Wettbewerb sorgen. Also alles klassische Schiedsrichteraufgaben im Sinne Erhards: Faire Bedingungen garantieren, aber nicht selber mitspielen. Denn mitmischen im Wirtschaftsleben kann der Staat meist nicht besonders gut, siehe Pleite-Landesbanken, Stuttgart 21, Flughafen Berlin oder die Dauerbaustelle Deutsche Bahn. Also, liebe CDU: Bitte mehr Erhard und weniger Altmaier!

von Christoph Frank

25. Februar 2019, © Deutsche Börse AG

Über den Autor

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DB Platinum IV Platow Fonds ( WKN DWS030 ), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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