ESSEN (dpa-AFX) - Die Geschäfte des Chemikalienhändlers Brenntag laufen rund und der von Unternehmenschef Christian Kohlpaintner eingeleitete Konzernumbau zahlt sich aus. Die Aktie erklomm nach der Ankündigung der Maßnahmen zur Verbesserung der Profitabilität im Oktober 2020 zunächst Rekordhochs in Serie. Allerdings hat sie einen Teil der Kursgewinne wieder abgegeben. Was bei dem Konzern los ist, wie Analysten es bewerten und was die Aktie macht.

DAS IST LOS BEI BRENNTAG:

Brenntag ist ein international tätiger Händler von Industrie- und Spezialchemikalien sowie Inhaltsstoffen, der seine mehr als 10 000 Produkte bei den Chemiekonzernen in größeren Mengen einkauft, diese lagert und sie dann in kleineren Mengen verkauft. In den vergangenen Jahren ist Brenntag über kleinere Übernahmen gewachsen. Konjunkturabschwünge treffen Brenntag in der Regel weniger stark als Chemiekonzerne, weil Kunden dann geringere Mengen an Chemikalien benötigen und diese vermehrt beim Händler statt beim Produzenten kaufen.

Eine hohe Nachfrage und der im vergangenen Jahr eingeleitete Sparkurs haben Brenntag auch im dritten Quartal weiter Auftrieb gegeben. Umsatz und operatives Ergebnis legten jeweils um rund 30 Prozent zu. Zum Gewinnplus trugen dem Unternehmen zufolge die Regionen Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA), Lateinamerika und vor allem Nordamerika bei. Die Region Asien Pazifik war hingegen wegen erneuter, strenger Lockdown-Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beeinträchtigt.

Um profitabler zu werden, hatte der seit Anfang 2020 amtierende Unternehmenschef Kohlpaintner Brenntag eine Restrukturierung verordnet. Prozesse, Abläufe und Strukturen sollten verbessert werden. Auch ungefähr 1300 Stellen will das Unternehmen bis Ende 2022 weltweit streichen. Brenntag beschäftigt mehr als 17 000 Mitarbeiter und betreibt ein Netzwerk aus mehr als 670 Standorten in über 77 Ländern. Größter Konkurrent ist die US-Firma Univar.

Zudem führte der Konzern Anfang 2021 zwei Geschäftsbereiche ein: Essentials und Specialties. Im ersten Bereich vermarktet Brenntag Prozesschemikalien. Der zweite Bereich konzentriert sich auf den Vertrieb von Inhaltsstoffen für ausgewählte Branchen.

Für 2021 peilt Brenntag einen operativen Gewinn (bereinigtes Ebitda) von 1,26 bis 1,32 Milliarden Euro an. 2020 standen hier 1,06 Milliarden. Bei seiner Einschätzung geht das Management davon aus, dass das derzeit "außergewöhnliche Marktumfeld" mindestens bis zum Jahresende anhält und die Corona-Pandemie die Rahmenbedingungen nicht wesentlich ändert. Außerdem liegen der Prognose stabile Währungskurse zugrunde. Der Ukraine-Krieg ist dabei aber noch nicht berücksichtigt.

Derweil verlässt der langjährige Finanzvorstand Georg Müller Ende März den Konzern. Müller ist seit fast 20 Jahren bei Brenntag, davon zehn Jahre als Finanzchef. Seine Nachfolgerin wird Kristin Neumann, die zuvor Finanzchefin der Lufthansa-Catering-Tochter LSG war.

Brenntag legt am 9. März seine Zahlen für das Gesamtjahr 2021 vor.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Die Analysten sind optimistisch mit Blick auf die Brenntag-Aktie. Von den 15 von dpa-AFX erfassten Experten, die sich seit den Quartalszahlen im November zu Brenntag geäußert haben, raten elf zum Kauf des Papiers und vier sprechen sich für das Halten aus. Kein Experte empfiehlt, die Aktie zu verkaufen. Mit rund 93 Euro liegt das durchschnittliche Ziel deutlich über dem aktuellen Kurs.

Nach Ansicht von Analyst Thomas Maul von der DZ Bank könnte Brenntag trotz höherer Energie-, Transport- und Personalkosten mit seinen Resultaten des vierten Quartals 2021 positiv überraschen. Zudem dürfte der Ausblick für 2022 optimistisch ausfallen. Eine schnelle Lösung der globalen Lieferkettenprobleme zeichne sich bislang nicht ab. In diesem für die Preisgestaltung attraktiven Umfeld dürfte Brenntag weiter von seiner breiten Produktpalette sowie den engen Lieferantenbeziehungen profitieren und relativ hohe Erträge erwirtschaften.

Brenntag sollte Analyst Christian Cohrs von Warburg Research dank der Kostenvorteile aus dem Transformationsprogramm, sowie Rückenwind durch einen stärkeren US-Dollar im letzten Quartal das obere Ende der Gewinnprognose erreicht beziehungsweise leicht übertroffen haben. Mit Blick auf 2022 erwartet er, dass sich der positive Ergebnistrend mit einem moderaten Wachstum des Bruttoergebnisses fortsetzt. Darüber hinaus rechnet der Experte mit einem weiteren Effekt von 80 bis 90 Millionen Euro aus Reorganisationsmaßnahmen.

Analyst Chetan Udeshi von der US-Bank JPMorgan rechnet mit starken Zahlen des Chemikalienhändlers für das vierte Quartal. Für die Marktschätzungen sieht er Luft nach oben. Für Analystin Suhasini Varanasi von der US-Investmentbank Goldman Sachs sollte Brenntag einen soliden Jahresabschluss vorlegen. Das Preisumfeld sei derzeit vorteilhaft. Nach Schätzung von Analystin Isha Sharma vom Investmenthaus Stifel könnte das günstige Umfeld für die Preisentwicklung länger als erwartet anhalten. Gerade in einem inflationären Umfeld sei Brenntag wegen seiner Fähigkeit, steigende Preise schnell weiterzugeben, aussichtsreich.

Der Chemikalienhändler wandelt sich laut Analyst Dominic Edridge von der Deutschen Bank langsam in ein schneller wachsendes und effizienteres Unternehmen. Der Umbau und die Marktbedingungen sprächen für eine höhere Profitabilität. Edridge sieht auch viel Potenzial in möglichen Übernahmen.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Nach der Vorstellung des Konzernumbaus auf dem Kapitalmarkttag Anfang November 2020 erklomm die Aktie des Chemikalienhändlers fast ein Jahr lang Rekordhochs in Serie. Ende August 2021 erreichte das Papier bei etwas mehr als 87 Euro eine Bestmarke. Seitdem hat der Anteilsschein einen Teil der Gewinne abgegeben.

Zuletzt kostete das Papier rund 66 Euro. Seit Anfang des Jahres gab der Titel um rund 17 Prozent nach. Seit dem Corona-Crash im März 2020, als die Aktien bis auf 28,68 Euro abgerutscht waren, hat sich der Wert der Papiere aber mehr als verdoppelt. Der Ukraine-Krieg hatte an den Aktienmärkten zuletzt für deutliche Kursverluste gesorgt. Auch der Brenntag-Kurs war kräftig abgerutscht.

Vor der Präsentation des Konzernumbaus mussten sich die Anleger in Geduld üben. Nach dem Börsengang im Jahr 2010 war es zunächst zwar beständig nach oben gegangen, von Mitte 2014 bis Mitte 2020 waren die Papiere unter dem Strich aber nicht von der Stelle gekommen.

Viel Freude bereitet das Papier des Chemikalienhändlers den Anlegern der ersten Stunde, die dabei geblieben sind, aber dennoch: Seit dem Börsengang 2010 hat sich die Aktie mehr als das Dreifache verteuert./mne/ngu/jha/