BRÜSSEL/BERLIN (dpa-AFX) - Auf dem leer gefegten Markt für Corona-Impfstoffe beobachten EU-Ermittler immer mehr Betrügereien. Vermittler hätten Regierungen in den vergangenen Wochen insgesamt 900 Millionen Dosen Impfstoff für 12,7 Milliarden Euro angeboten, erklärte die EU-Anti-Betrugsbehörde Olaf am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Dubiose Angebote erhielten auch die Bundesregierung und das Land Nordrhein-Westfalen, lehnten aber ab.

Die 27 EU-Staaten hatten vereinbart, Corona-Impfstoff gemeinsam über die EU-Kommission in Brüssel beschaffen zu lassen. Derzeit sind die aus den Gemeinschaftsverträgen gelieferten Mengen aber überall in der EU knapp. Die Hersteller begründen das mit der erst langsam steigenden Produktion.

"Wir sehen eine wachsende Zahl von Betrügereien und Fake-Angeboten im Zusammenhang mit Impfstoffen", teilte die Olaf-Pressestelle mit. Die Anti-Betrugs-Behörde hat nach eigenen Angaben Informationen von vielen Regierungen bekommen über Vermittler, die versuchten, große Mengen von in der EU zugelassenen Vakzinen zu verkaufen. Die Hinweise hätten stark zugenommen, seit Olaf vor solchen Betrugsversuchen gewarnt habe.

Ziel der Betrüger sei es, die Behörden zu einer großen Anzahlung für die Geschäfte zu bewegen und sich dann mit dem Geld abzusetzen. Dieselbe Betrugsmasche sei im vergangenen Jahr auch bei Schutzkleidung angewendet worden. "Die Vermittler stehen für opportunistische Firmen, die bis vor kurzem inaktiv waren oder mit ganz anderen Gütern gehandelt haben", erklärte der Sprecher weiter. Sitz der Firmen sei oft außerhalb der EU, sie seien deshalb schwer zu identifizieren. Olaf setze auf Informationsaustausch über suspekte Geschäfte und habe alle EU-Staaten gebeten, solche Angebote zu melden.

EU-Beamte hatten die Summe der dubiosen Angebote noch am Donnerstagmorgen auf 400 Millionen Dosen beziffert. Abends nannte dann Olaf die aktualisierte Zahl. "Wir nennen das Geisterimpfstoffe, also irgendwelche mehr oder weniger obskuren Angebote, die auch schon an viele Staats- und Regierungschefs wohl gegangen sind", hieß es aus Kreisen der EU-Kommission. Niemand wisse genau, ob es sich um echten Impfstoff handele. Es könne auch "Salzwasser in kleinen Fläschchen" sein.

"Bild" berichtete am Donnerstag, ein privater Vermittler habe vor wenigen Tagen zahlreichen Regierungen per E-Mail allein 100 Millionen Dosen des Impfstoffs des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca angeboten. Als Vermittler habe ein Mann fungiert, der zuvor auch schon Corona-Schutzausrüstung angeboten habe und in etlichen deutschen Behörden bekannt sei.

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums bestätigte dem "Bild"-Bericht zufolge allgemein, dass auch die Bundesregierung in den vergangenen Wochen etliche Angebote "unterschiedlicher Seriosität" von privaten Impfstoffvermittlern erhalten habe. Deutschland, das an den EU-Beschaffungsmechanismus gebunden sei, habe aber keines dieser Angebote angenommen.

Auch dem Land Nordrhein-Westfalen ist der Impfstoff Astrazeneca auf obskuren Vertriebswegen in einer rechtlichen Grauzone angeboten worden. "Das Gesundheitsministerium hat das in höchstem Maße zweifelhafte Angebot nicht weiter verfolgt", berichtete ein Sprecher auf dpa-Anfrage in Düsseldorf./beg/DP/fba