Frankfurt/Berlin (dpa) - Turbulente Zeiten in der höchsten deutschen Börsenliga: Der Essenlieferdienst Delivery Hero, der im laufenden Geschäft rote Zahlen schreibt und kein Deutschland-Geschäft mehr hat, ersetzt den insolventen Skandalkonzern Wirecard im Deutschen Aktienindex (Dax).

Delivery Hero wird nach dem Immobilienkonzern Deutsche Wohnen innerhalb weniger Wochen das zweite Berliner Unternehmen, das in die erste Börsenliga aufsteigt. Dax-Gründungsmitglied Lufthansa hatte der Deutschen Wohnen Anfang Juni Platz machen müssen.

«Die Aufnahme in den Dax ist die Bestätigung, dass der Kapitalmarkt an unsere Plattform glaubt», sagte Delivery Hero-Chef Niklas Östberg. Nach der Entscheidung der Deutschen Börse vom späten Mittwochabend verloren die Aktien des Dax-Aufsteigers in einem insgesamt schwachen Markt am Donnerstagvormittag 2 Prozent. Maßgeblich für die Zugehörigkeit zum Kreis der 30 Dax-Konzerne sind Börsenumsatz (Handelsvolumen) und Börsenwert (Marktkapitalisierung) eines Unternehmens.

Der Essenlieferdienst zählt zu den Profiteuren der Coronaseuche. Das einstige Start-up betreibt in mehr als 40 Ländern Bestellplattformen für Essen lokaler Anbieter und beschäftigt 25.000 Mitarbeiter, davon rund 1300 in Berlin. Sie vermitteln Lieferdienste zwischen Restaurants und deren Kunden. Das meiste Geld stammt aus Provisionen, die die teilnehmenden Restaurants bezahlen. Allerdings betreibt Delivery Hero auch eigene Lieferdienste und Großküchen.

Bestellungen deutscher Kunden nimmt das Unternehmen seit vergangenem Jahr nicht mehr entgegen: Das Deutschlandgeschäft mit den Marken Pizza.de, Lieferheld und Foodora wurde verkauft. Der niederländische Konkurrent Takeaway hat es in seine eigene Plattform Lieferando eingegliedert. Mehr als die Hälfte seines Umsatzes hat Delivery Hero 2019 im Nahen Osten und Nordafrika gemacht. Auch in Asien ist Delivery Hero stark. Im dritten Quartal peilt das Unternehmen den Eintritt in den japanischen Markt an.

Das 2011 gegründete Unternehmen schreibt noch rote Zahlen. Im ersten Halbjahr lag der um Sonderposten bereinigte Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen nach vorläufigen Zahlen bei 319,5 Millionen Euro. Wann das laufende Geschäft die Kosten decken könnte, lässt das Unternehmen bislang offen. Es sei weiter im Aufbau, hob das Management nach der Entscheidung über den Dax-Aufstieg hervor.

Dank des starken Wachstums in der Coronakrise haben die Berliner die Prognose für das Gesamtjahr bereits erhöht. Erwartet wird ein Umsatz zwischen 2,6 und 2,8 Milliarden Euro und damit nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr.

Wirecard muss den Dax vorzeitig verlassen. Die Deutsche Börse hatte nach der Insolvenz des Unternehmens, das in einen milliardenschweren Betrugsskandal verwickelt ist, ihr Regelwerk für den Insolvenzfall überarbeitet.

Wichtig sind Index-Änderungen vor allem für Fonds, die Indizes exakt nachbilden. Dort muss dann umgeschichtet werden, was meist Einfluss auf die Kurse hat. Der Aufstieg von Delivery Hero aus dem MDax zieht weitere Index-Änderungen nach sich. Der Spezialmaschinenbauer Aixtron rückt in den Index der mittelgroßen Werte auf, Hornbach Baumarkt zieht in den SDax ein. Die Änderungen werden am kommenden Montag (24. August) wirksam. Nächster regulärer Überprüfungstermin für die Zusammensetzung der Aktienindizes der Deutschen Börse ist der 3. September 2020.

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