FRANKFURT (dpa-AFX) - Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) in Aussicht gestellte weitere Lockerung der Geldpolitik hat die Kurse deutscher Staatsanleihen beflügelt. Der Terminkontrakt Euro-Bund-Future <DE0009652644> stieg bis zum Nachmittag um 0,68 Prozent auf 171,74 Punkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel um 0,08 Prozentpunkte auf minus 0,32 Prozent. Auf Talfahrt gingen die Renditen südeuropäischer Staatsanleihen.

Sollte sich der Wirtschaftsausblick nicht verbessern und die Inflation im Euroraum nicht anziehen, werde eine zusätzliche Lockerung der Geldpolitik erforderlich sein, sagte EZB-Präsident Mario Draghi im portugiesischen Sintra. "Wir werden alle Flexibilität innerhalb unseres Mandats nutzen, um unseren Auftrag zu erfüllen." Zusätzliche Zinssenkungen und weitere Anleihekäufe seien denkbar, sie gehörten zum Instrumentenkasten.

Die Aussagen von Draghi wurden an den Märkten als klares Signal für eine baldige Lockerung interpretiert. Davon profitierten vor allem die Kurse südeuropäischer Staatsanleihen. Im Gegenzug gaben die Renditen stark nach. In Griechenland fiel die Rendite zehnjähriger Anleihen um 0,22 Prozentpunkte und in Italien um 0,19 Prozentpunkte. In Frankreich und Österreich sanken die Marktzinsen von zehnjährigen Anleihen erstmals unter Null Prozent. In allen Ländern der Eurozone aber auch in EU-Staaten wie Schweden und Großbritannien reagierten die Anleihemärkte deutlich.

Ökonomen prognostizieren eine baldige Reaktion der EZB. "Nach den Äußerungen Draghis erwarten wir, dass die EZB vermutlich schon auf ihrer nächsten Sitzung am 25. Juli eine Senkung des Einlagenzinses von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent beschließt", kommentierte EZB-Beobachter Michael Schubert von der Commerzbank. Zudem dürfte die EZB die Einführung eines Staffelzinses unter die Lupe nehmen, um auf einer der beiden darauf folgenden Sitzungen sich dafür zu entscheiden. Mit neuen Käufen von Staatsanleihen rechnet Schubert allerdings nur, falls die wirtschaftliche Entwicklung deutlich schlechter als bisher erwartet ausfallen sollte.

Bestätigt sehen dürfte sich Draghi durch sehr schwache Konjunkturdaten aus Deutschland. So sind die ZEW-Konjunkturerwartungen im Juni stark gefallen. Ökonomen hatten hingegen nur einen leichten Rückgang erwartet. "Aus Sicht der EZB ist dies ein weiteres Argument, neuerliche geldpolitische Lockerungsschritte, welche der EZB-Chef in Sintra bereits in Aussicht gestellt hat, ins Auge zu fassen", kommentierte Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg.

In den USA hat unterdessen die zweitägige Zinssitzung der amerikanischen Notenbank Fed begonnen. Resultate werden für Mittwochabend erwartet. Die Erwartungen sind hoch: An den Finanzmärkten wird auf mehrere Zinssenkungen in diesem Jahr spekuliert./jsl/tav