JOHANNESBURG (dpa-AFX) - Angesichts der Corona-Restriktionen in Afrika und damit einhergehender Jobverluste in Millionenhöhe befürchtet die deutsche Wirtschaft zunehmende Instabilität auf dem Nachbarkontinent. "Wir können sicher sein, dass das zu stärkerem Migrationsdruck führen wird und dass dabei auch die Stabilität einiger Staaten gefährdet werden wird", warnte der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft (AV), Stefan Liebing, am Mittwoch. Die deutschen Exporte seien allein im ersten Halbjahr um 26 Prozent geschrumpft.

Der Verband, dem ein Großteil der in Afrika tätigen deutschen Unternehmen angehört, fordert daher in einem Acht-Punkte-Plan kurzfristige Liquiditätshilfen und Finanzierungsangebote für afrikanische Unternehmen, die Projekte mit deutschen Lieferanten ohne diese Hilfen aktuell nicht umsetzen könnten. "Wenn die deutsche Wirtschaft und die Bundesregierung nun nicht schnell gegensteuern, laufen wir Gefahr, dass die Erfolge des vergangenen Jahrzehnts in der wirtschaftlichen Entwicklung des Kontinents in nur wenigen Wochen verloren sein werden", warnte der AV-Chef. Nötig seien auch behördliche Erleichterungen bei kurzfristigen Geschäftsreisen.

Liebing, der statt eines Lieferkettengesetzes eine Einigung auf europäische Standards befürwortet, die auf Ebene der Regierungen zu implementieren seien, forderte von der Bundesregierung eine stärkere bilaterale Außenwirtschaftsdiplomatie. Sie sei derzeit erkennbar keine Priorität für die zuständigen Ministerien des Bundes. "Das halte ich für gefährlich; der Wettbewerb aus Asien ist schneller als wir", betonte er. Afrika hatte im Sommer wegen Corona den Start für die Umsetzung des geplanten afrikanischen Binnenmarktes (AfCTA) auf Anfang kommenden Jahres verschoben. Er gilt als ehrgeiziges Projekt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte auch vor diesem Hintergrund deutsche Firmen noch Ende vergangenen Jahres im Rahmen der Initiative "Compact with Africa" zu vermehrten Investitionen auf dem Nachbarkontinent ermuntert. Die 2017 unter der deutschen G20-Präsidentschaft ins Leben gerufene Initiative, an der zwölf afrikanische Länder teilnehmen, zielt auf bessere Bedingungen für Handel und Investitionen sowie eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" ab.

Die Corona-Restriktionen haben eine verheerende Auswirkung auf die Wirtschaft in vielen afrikanischen Ländern. Millionen Menschen in der informellen Wirtschaft oder ohne Arbeit kämpfen um ihre Existenz. Zwischen Sudan und Simbabwe verstärkte die Corona-Epidemie oft noch vorhandene strukturelle wirtschaftliche Probleme. Inzwischen nähert sich die Zahl der Fälle in Afrika laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Zwei-Millionen-Marke, die Zahl der Toten der Schwelle von 50 000./rek/DP/jha