Wiesbaden (dpa) - Die Konsumlust der Verbraucher nach dem Ende des Corona-Lockdowns im Frühjahr hat die deutsche Wirtschaft aus ihrem Tief geholt.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes um 1,5 Prozent zu. Zu Jahresbeginn war die Wirtschaftsleistung den jüngsten Daten zufolge noch um 2,1 Prozent geschrumpft. Sorgen bereiten aktuell aber die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus sowie Materialknappheit in der Industrie, die die Entwicklung bereits im Frühjahr dämpfte.

Getragen wurde die Konjunkturerholung im Zeitraum April bis Juni den Angaben zufolge vor allem von höheren privaten und staatlichen Konsumausgaben. Die Einschränkungen zur Bekämpfung des Coronavirus waren ab Mai schrittweise wieder gelockert worden. «Die Verbraucher haben die zurückgewonnenen Freiheiten genutzt, um mehr Geld für Dienstleistungen in der Gastronomie, Hotellerie und für Freizeitaktivitäten auszugeben», erläuterte Christoph Swonke, Konjunkturanalyst der DZ Bank.

«Das Wachstum im zweiten Quartal zeigt: Die deutsche Wirtschaft hat die dritte Welle der Pandemie überwunden», sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Umso wichtiger sei es nun, alles dafür zu tun, damit der Neustart weiter an Kraft zulege. «Dazu müssen wir beim Impfen noch schneller vorankommen und auch die notwendigen Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft fortführen.»

Gegenüber dem zweiten Vierteljahr 2020 wuchs das Bruttoinlandsprodukt im Zeitraum April bis Juni 2021 preisbereinigt kräftig um 9,6 Prozent. Zu Beginn der Corona-Pandemie im vergangenen Frühjahr war die Wirtschaftsleistung dramatisch eingebrochen.

Auch in der Eurozone insgesamt nahm die Konjunktur im Frühjahr wieder Fahrt auf. Im zweiten Quartal stieg die Wirtschaftsleistung nach einer ersten Schätzung des Statistikamtes Eurostat gegenüber dem Vorquartal um 2 Prozent. Von den vier größten Volkswirtschaften kam die Konjunktur in Spanien am stärksten in Schwung mit einem Wachstum von 2,8 Prozent. Die italienische Wirtschaft legte um 2,7 Prozent zu, während das Wachstum der deutschen Wirtschaft mit 1,5 Prozent und der französischen mit 0,9 Prozent schwächer ausfiel.

Trotz der aktuellen Erholung hat Europas größte Volkswirtschaft das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht. «Das zeigt, dass der Weg aus der Krise kein Selbstläufer ist. Vieles hängt jetzt vom weiteren Pandemieverlauf ab», sagte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Ökonomen gehen davon aus, dass vor allem der private Konsum die Konjunkturerholung in den kommenden Monaten antreiben wird. Bei den privaten Haushalten hatten die Lockdowns zu einem Konsumstau mit beispiellosem Sparen geführt.

Störungen in den globalen Lieferketten und Materialknappheit belasten dagegen die Industrie. Das Verarbeitende Gewerbe sitzt zwar auf prall gefüllten Orderbüchern, kann die Aufträge wegen Lieferengpässen bei Rohstoffen und Vorprodukten wie Chips aber oft nicht abarbeiten. Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe dürfte die Produktion im dritten Quartal weiter schrumpfen, sagte Timo Wollmershäuser, der Leiter der Ifo Konjunkturprognosen voraus.

Ökonomen trauen Europas größter Volkswirtschaft in diesem Jahr zwar ein Comeback zu. Wirtschaftsforschungsinstitute sagten zuletzt einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes zwischen 3,2 und 3,9 Prozent voraus. Im vergangenen Jahr hatte die Pandemie die deutsche Wirtschaft in die tiefste Rezession seit der globalen Finanzkrise 2009 gestürzt. Das BIP schrumpfte um 4,9 Prozent.

Die Risiken sind allerdings zuletzt gewachsen. «Die sich rasant ausbreitende Delta-Variante stellt eine Belastung für die weitere globale Erholung dar. Gerade Deutschland als exportstarke Nation würde darunter leiden», erläuterte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank.

Nach Einschätzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) darf die aktuell gute Lage nicht über drohende Konjunkturrisiken hinwegtäuschen. «Die globale vierte Corona-Welle und anhaltende Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten drohen die noch intakte deutsche und europäische wirtschaftliche Erholung in der zweiten Jahreshälfte zu gefährden», warnte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater erwartet, dass angesichts des zögerlichen Impffortschritts in vielen Ländern Corona noch lange die wirtschaftlichen Schlagzeilen bestimmen wird. «Es zeigt sich immer mehr, dass der Weg zu einer neuen Normalität nach der Pandemie länger ausfällt als gehofft.»

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Lange Reihe BIP nach Jahren

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