Wiesbaden (dpa) - Das Mini-Wachstum der deutschen Wirtschaft im Sommer nährt trotz anhaltender Risiken die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Konjunktur. Vor allem die Binnenwirtschaft erweist sich als verlässliche Stütze.

Die Bauwirtschaft brummt, viele Verbraucher sind in Kauflaune. Sogar die Exporte zeigen sich ungeachtet internationaler Handelskonflikte robust, der Außenhandel trug nach den veröffentlichten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ebenfalls positiv zu dem - von den meisten Ökonomen nicht erwarteten - Wachstum im dritten Quartal 2019 bei.

Allerdings rechnen Volkswirte nach dem vorläufigen Ende eines jahrelangen Aufschwungs seit dem Krisenjahr 2009 auch 2020 mit einem herausfordernden Jahr für Europas größte Volkswirtschaft. «Die deutsche Volkswirtschaft ist noch nicht über den Berg», analysierte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe. «Auch in den kommenden Quartalen bleibt das Wachstum ein Ritt auf der Rasierklinge zwischen Rezession und kleinem ... Zuwachs.»

Im dritten Quartal 2019 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal um 0,1 Prozent zu. Die Wiesbadener Statistiker bestätigten ihre Mitte November vorgelegten vorläufigen Zahlen. Dank der überraschenden Rückkehr auf den Wachstumspfad entging die Exportnation Deutschland knapp einer «technischen Rezession» - also zwei Quartalen in Folge mit sinkender Wirtschaftsleistung. Im zweiten Vierteljahr hatte es noch einen Rückgang um 0,2 Prozent gegeben. Zum Jahresauftakt konnten 0,5 Prozent Wachstum verbucht werden. Für das Gesamtjahr 2019 gehen die diversen Prognosen von etwa 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum aus - nach 1,5 Prozent im Jahr 2018.

Gestützt wurde das gesamtwirtschaftliche Wachstum im Zeitraum Juli bis einschließlich September 2019 durch den Konsum - sowohl seitens der privaten Haushalte als auch des Staates. Viele Verbraucher sind dank der historisch guten Lage auf dem Arbeitsmarkt und tendenziell steigender Einkommen in Kauflaune. Die privaten Konsumausgaben waren im dritten Quartal um 0,4 Prozent höher als im zweiten Quartal. Die Konsumausgaben des Staates, wozu auch soziale Sachleistungen zählen, stiegen sogar um 0,8 Prozent.

Der von niedrigen Zinsen getriebene Bauboom setzte sich fort. In Bauten wurden im Sommer 1,2 Prozent mehr investiert als im Frühjahr. Dagegen gingen die Investitionen der Unternehmen in Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge insgesamt zurück: Bei den Ausrüstungsinvestitionen verzeichneten die Statistiker ein Minus von 2,6 Prozent. VP-Bank-Ökonom Gitzel wertet das als «Warnzeichen».

Internationale Handelskonflikte - vor allem der zwischen den USA und China - sowie das Brexit-Drama sorgen für Verunsicherung. Das bremst Investitionen. Die Exporte zeigen sich gleichwohl robust: Im dritten Quartal lagen sie nach Angaben des Bundesamtes um 1,0 Prozent über dem Niveau des zweiten Quartals 2019, das allerdings vergleichsweise schwach ausgefallen war. Die Importe blieben in etwa auf dem Niveau des Vorquartals (plus 0,1 Prozent).

«Auch wenn die deutsche Wirtschaft eine technische Rezession vermieden hat, gibt es für den geschwächten Industriesektor kaum Anzeichen für eine bevorstehende Erholung», kommentierte ING-Deutschland-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. «Es könnte riskant sein, sich darauf zu verlassen, dass nur Konsum und Bau den Abschwung in der Industrie ausgleichen.» Daher werden nach seiner Einschätzung die Forderungen nach weiteren staatlichen Impulsen für die schwächelnde Wirtschaft nicht verstummen.

Die deutsche Wirtschaft bleibe «anfällig für negative Überraschungen», meinte die neue Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib. «Positiv zu sehen ist jedoch, dass der fiskalische Handlungsspielraum der deutschen Politik das Eindämmen etwaiger Rezessionsschäden erlaubt.»

Die Ökonomen der Commerzbank heben positiv hervor, dass Deutschland nach jüngsten Daten der Weltbank erstmals seit zehn Jahren seine Qualität als Wirtschaftsstandort etwas verbessert habe: «Aber das kann nur der Anfang sein, wenn Deutschland nach vielen Jahren der erodierenden Wettbewerbsfähigkeit wieder Boden gutmachen will. Vor allem mit einer schlankeren Bürokratie, günstigeren Energiekosten und niedrigeren Steuern könnte Deutschland aufholen.»