Kapitalmarktausblick 2020: Corona wird zum Katalysator

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Kapitalmarktausblick 2020: Corona wird zum Katalysator

25.06.2020 / 10:00

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- Nach der Geldpolitik unterstützt nun auch die Fiskalpolitik das Wachstum

- Volumen der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen höher als in der

Finanzkrise

- Coronakrise verstärkt Trends an den Kapitalmärkten

- Niedrigzinsumfeld verfestigt: Risikoanlagen bleiben favorisiert

Frankfurt am Main, 25. Juni 2020 - Das Coronavirus wird den Beginn der

2020er Jahre an den Kapitalmärkten entscheidend prägen. Jens Wilhelm, im

Vorstand von Union Investment zuständig für das Portfoliomanagement, rechnet

mit deutlicher Unterstützung für die Kapitalmärkte durch die angekündigten

geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen. "Die Coronakrise wirkt als

Katalysator, der bereits bestehende Anlagetrends beschleunigt. Mehr

kontrolliertes Risiko, eine höhere Aktivität und stärkere Selektion sind die

richtigen Reaktionen darauf."

Volkswirtschaftlich sieht Wilhelm die Coronakrise als größte Herausforderung

seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. "Der konjunkturelle Einbruch ist

doppelt so tief wie in der Finanzkrise und erfolgt in deutlich kürzerer

Zeit", ordnet er die Ereignisse ein. Nach den Prognosen von Union Investment

wird das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone im Jahr 2020 um 8,5 Prozent

schrumpfen. Deutschland dürfte die Krise dabei mit Einbußen von 6,7 Prozent

noch vergleichsweise glimpflich überstehen. Besonders gravierend dürften die

Folgen in Italien (-11,7 Prozent) und Spanien (-11,5 Prozent) ausfallen.

Selbst die USA, in den vergangenen Jahren der Hort wirtschaftlicher

Stabilität, werden mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 7,0

Prozent hart getroffen. "Unsere Schätzungen lassen einen Anstieg der

US-Arbeitslosigkeit auf annähernd 20 Prozent erwarten - ein beispielloser

Vorgang in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte", sagt Wilhelm.

Volumen der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen höher als in der

Finanzkrise

Die konjunkturelle Talsohle dürfte bereits im zweiten Quartal 2020 erreicht

werden. "Das Volumen der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen ist höher als

in der Finanzkrise und verfehlt seine Wirkung nicht. Das Schlimmste an den

Märkten liegt hinter uns", ist Wilhelm zuversichtlich. Zwar ist nach

Einschätzung des Kapitalmarktstrategen mit einem erneuten Anstieg der

Infektionszahlen im Herbst 2020 zu rechnen. Aber: "Staat, Wirtschaft und

Gesellschaft sind viel besser vorbereitet und sollten nicht mehr überrascht

sein. Die Folgen einer zweiten Welle werden daher für die Kapitalmärkte

deutlich geringer ausfallen." Einen schnellen, V-förmigen Aufholprozess

erwartet er jedoch nicht. "Die Erholung wird im zweiten Halbjahr 2020

einsetzen, aber sie wird flach verlaufen."

Wilhelm rechnet mit moderatem Wachstum zunächst ohne Inflationsdruck. "Die

Sorge vor einem schnellen Anstieg der Inflation ist unbegründet", meint er.

Zwar kann es seiner Einschätzung nach bei einigen Gütern krisenbedingt

vorübergehend zu steigenden Preisen kommen. Aber mittel- bis langfristig

rechnet er mit einer anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwäche,

in deren Folge der Inflationsdruck gedämpft wird.

Wesentliche Stützpfeiler der Krisenbekämpfung sieht der Kapitalmarktstratege

in den Hilfsmaßnahmen von Regierungen und Notenbanken. "Geld- und

fiskalpolitisch wurde in der Coronakrise vieles richtig gemacht", urteilt

Wilhelm. Er rechnet damit, dass auch künftig der wirtschaftspolitische Fokus

auf Wachstumsförderung und nicht auf Bekämpfung öffentlicher

Haushaltsdefizite liegen wird. "Eine Rückkehr zur Austerität wird es so

schnell nicht geben", ist er überzeugt. "Vor uns liegen Jahre mit

strukturell erhöhten Schuldenquoten der öffentlichen Hand." Um die

Tragfähigkeit der weltweiten Staatschulden zu gewährleisten, erwartet

Wilhelm weitere geldpolitische Unterstützung. "Die Zentralbanken werden ihre

Gläubigerrolle im Markt für Staatsanleihen ausbauen und auf Jahre hinaus die

Renditen drücken."

Besonders wichtig ist diese Hilfe nach Einschätzung Wilhelms für den

Euroraum. Bereits vor Corona war die wirtschaftliche Lage von Ländern wie

Italien angespannt. Durch die Wachstumseinbußen und die

konjunkturpolitischen Gegenmaßnahmen verringert sich daher die

Schuldentragfähigkeit. "Mit den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank und

den Vorschlägen für einen Wiederaufbaufonds wurde dieses Problem

wirkungsvoll adressiert", kommentiert Wilhelm die jüngsten Entscheidungen

auf europäischer Ebene. "Die politischen Risikoprämien für Anlagen im

Euroraum werden sinken", prognostiziert er. Das dürfte auch den Außenwert

des Euro unterstützen.

Coronakrise als Katalysator: Beschleunigung von Trends wie Deglobalisierung,

Marktkonzentration und Nachhaltigkeit

Wilhelm geht von einer weiteren Verlangsamung der Globalisierung aus: "Eine

groß angelegte Rückverlagerung industrieller Fertigung in die westlichen

Länder wird es nicht geben. Aber bei kritischen Gütern wie Schutzausrüstung

oder Impfstoffen werden die Regierungen auf den Ausbau heimischer

Produktionskapazitäten dringen."

Darüber hinaus verweist er auf die Erfahrungen der Unternehmen in der Krise.

"Die Coronakrise hat die Anfälligkeit globaler Lieferketten schonungslos

offengelegt. Daraus werden die Unternehmen lernen", erwartet Wilhelm. Er

rechnet daher mit größerer Bevorratung und der Verkürzung von Lieferketten.

Im Ergebnis sollte sich der bereits seit einigen Jahren anhaltende Trend

abnehmender Wachstumsraten im internationalen Handel beschleunigen. "Die

Globalisierung verliert als Wohlstands- und Wachstumstreiber an Kraft",

prognostiziert Wilhelm.

Auch auf der Marktstrukturseite rechnet er mit weitreichenden Folgen der

Pandemie. "Starke Unternehmen werden gestärkt", erwartet der

Kapitalmarktstratege. Gleichzeitig rechnet er damit, dass bereits

angeschlagene Unternehmen vermehrt aus dem Markt ausscheiden werden. "Eine

höhere Konzentration wird in vielen Branchen die Folge sein", analysiert

Wilhelm. Dort sieht er perspektivisch die Chance auf höhere Margen und

Gewinne. "Bei der Auswahl von Aktien und Unternehmensanleihen gilt es diese

Verschiebung zu beachten. Qualität wird sich mehr denn je auszahlen", ist

Wilhelm überzeugt und sieht in diesen Fällen auch historisch hohe

Bewertungsniveaus als gerechtfertigt an.

Nachhaltiges Investieren gewinnt nach Wilhelms Einschätzung weiter an

Bedeutung. "Anleger stoßen beim Umgang mit der Pandemie allenthalben auf

Nachhaltigkeitsfragen", sagt er. "Das fängt bei der wachsenden Attraktivität

der Gesundheitsbranche an und hört bei Aktionärsrechten auf virtuellen

Hauptversammlungen auf." Wilhelm erwartet, dass Nachhaltigkeit die

Geldanlage der Zukunft stark prägen wird.

Niedrigzinsumfeld verfestigt: Risikoanlagen bleiben favorisiert

Trotz der Unsicherheiten rund um das Coronavirus sieht Wilhelm die

Anlagetrends der vergangenen Jahre bestätigt. "Das Negativ- bzw.

Niedrigzinsumfeld hält nicht nur an, es verschärft und verbreitert sich

sogar", prognostiziert er. Investoren sieht er daher mehr denn je von einem

Anlagenotstand bedroht. "Sichere Staatsanleihen werfen nach wie vor kaum

Verzinsung ab. Hinzu kommt das massiv steigende Emissionsvolumen im Zuge der

anziehenden Staatsverschuldung, was das Performancepotenzial begrenzt",

verweist er auf die getrübten Aussichten für diese Anlageklasse. Gerade

unter Chance-Risiko-Aspekten zählen daher Unternehmensanleihen zu seinen

Anlagefavoriten.

"Die größten Anlagechancen bieten nach wie vor Aktien", ist Wilhelm

überzeugt. So traut er dem DAX auf Sicht von zwölf Monaten einen Anstieg auf

13.300 Punkte zu. "Es kommt aber mehr denn je auf die sorgfältige

Titelauswahl an", gibt er zu bedenken. Auch Rohstoffe schätzt der

Kapitalmarktstratege als attraktiv, wenn auch volatil ein. "Der Ölpreis ist

durch Angebotsbeschränkungen und schwache Nachfrage gedeckelt. Edel- und

Industriemetalle bieten hingegen noch günstige Einstiegsgelegenheiten",

meint er.

"Corona wird zu einem Dekadenthema, dessen Konsequenzen genauso dauerhaft

sein werden wie die Folgen der Finanzkrise", resümiert Wilhelm. Die

wichtigste Wirkung der Pandemie liegt seiner Einschätzung nach in der

Verstärkerrolle von Trends. "Die Krise beschleunigt bereits vorher angelegte

Trends wie Deglobalisierung, Marktkonzentration und Nachhaltigkeit. An der

Börse schafft Corona Gewinner wie Technologieaktien und Verlierer wie die

Luftfahrt- oder Tourismusbranche", folgert er. "Anleger können sich diese

Entwicklungen durch aktives Management zunutze machen."

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