Jetzt geht es um alles: Eineinhalb Jahre nach Bekanntwerden der Pläne, Innogy (WKN: A2AADD) zu filetieren, wähnen sich RWE (WKN: 703712) und E.ON (WKN: ENAG99) kurz vor dem Ziel. Die RWE-Aktie strömt Zuversicht aus und bei Innogy läuft die Abschlussparty auf Hochtouren, während bei E.ONs Aktionären eher Unentschlossenheit vorherrscht. Es wird Zeit für ein Lage-Update.

Jetzt wird es konkret

Die ziemlich spektakulären Umbaupläne haben weitreichende Auswirkungen auf die deutsche und europäische Wettbewerberlandschaft im Energiesektor. Kein Wunder, beschäftigt der Deal nicht nur Politik und Börse, sondern auch Mitbewerber und die Kartellbehörden.

Ob das Vorhaben genehmigt wird, war bisher alles andere als sicher. Noch im Februar 2019 beschwerte sich der Ökostromanbieter LichtBlick offiziell bei der europäischen Wettbewerbsaufsicht, weil E.ON zukünftig in vielen Regionen über Marktanteile von über 70 % verfügen und außerdem die Kontrolle über 20 Mio. Stromzähler haben werde. Dadurch entstünden datengetriebene Netzwerkeffekte, die Konkurrenten kaum eine Chance ließen.

Zu diesen Beschwerden kam noch hinzu, dass die beiden Stromgiganten zunächst keinerlei Zugeständnisse machen wollten, sodass die Beamten im März 2019 feststellten, dass es „ernsthafte Bedenken hinsichtlich seiner Vereinbarkeit mit dem Binnenmarkt gibt“. Am 7. Juni wurde eine weiter vertiefende Untersuchung eingeleitet, mit einer „Frist von höchstens 90 Arbeitstagen“ für die endgültige Entscheidung. Diese Frist läuft nach meiner Rechnung am 11. Oktober aus.

Um die Chancen für ein positives Ergebnis zu erhöhen, bot E.ON noch im Juni an, Geschäftsbereiche in Ungarn, Deutschland und der Tschechischen Republik zu verkaufen. Auf dieser Basis herrscht Zuversicht in den Chefetagen. Die Genehmigung wird in den nächsten Tagen erwartet und es wird schon darüber nachgedacht, wie man die restlichen Innogy-Aktionäre herausdrängen kann („Squeeze-out“). Aktuell wird die Aktie mit 45 Euro bewertet, aber E.ON-Chef Johannes Teyssen denkt, dass nicht mehr als 43 Euro bezahlt werden müssen. Ursprünglich ging der Innogy-Wert mit 40 Euro je Aktie in die Deal-Kalkulation ein.

Wie es jetzt weitergeht

Die beiden Energiekonzerne hatten jede Menge Zeit, um sich auf den Tag X vorzubereiten und Strukturen für die schnelle Integration zu planen. Wenn jetzt also das Okay kommt, dann wird vor allem E.ON viel zu tun haben, um aus den beiden Teilen einen einheitlichen Markenauftritt zu formen. Die Kombination der Wind- und Solarparks unter dem Dach der RWE Renewables wird hingegen zügig und unproblematisch verlaufen, würde ich schätzen.

RWE wird sich so schrittweise zu einem grünen Konzern wandeln, wenn der Atom- und Kohleausstieg über die kommenden Jahre abgeschlossen wird und signifikante Investitionen in neue Projekte im Umfang von 1,5 Mrd. Euro pro Jahr getätigt werden. Damit wird es gelingen, im Offshore-Bereich die zweite Position hinter Ørsted (WKN: A0NBLH) zu halten und sich bei erneuerbaren Energien insgesamt in der Spitzengruppe festzusetzen, wo neben der europäischen Konkurrenz auch NextEra (WKN: A1CZ4H) und die Energy-Sparte von Berkshire Hathaway (WKN: A0YJQ2) dazugehört.

Die Rolle von E.ON in der Energiewende wird eine andere sein. Deren Verteilnetze werden das Bindeglied zwischen Stromproduzenten und -verbrauchern werden und an dieser Stelle kommen die Größenvorteile einer dominanten Plattform zum Tragen. Je mehr Sensorik, Konnektivität, Analytik und künstliche Intelligenz eingesetzt werden, desto besser können alle angeschlossenen Anlagen betrieben werden, einschließlich der wachsenden Speicherkapazitäten und immer populäreren Elektrolyseanlagen.

Für die kleineren Konkurrenten mag es ärgerlich sein, dass E.ON über diese überlegenen Fähigkeiten verfügen wird, aber aus Systemsicht ist es wahrscheinlich besser als kleinteilige Netzstrukturen. Die dadurch erzielbare Effizienz entlang der Wertschöpfungskette kommt (dank der Regulierung) den Verbrauchern zugute und letztlich wohl auch den Aktionären.

Hier locken Chancen

Die RWE-Aktie befindet sich seit 2016 im stabilen Aufwärtstrend und es spricht vieles dafür, dass sich daran nach Abschluss des Deals nicht viel ändern wird. Als einer der größten und erfahrensten Spieler im Bereich der erneuerbaren Energien sollte es gelingen, gute Renditen zu erwirtschaften und kontinuierliches Wachstum zu generieren – nicht wahnsinnig aufregend, aber besser als jede festverzinsliche Anleihe.

Bei E.ON wird man etwas genauer hinsehen müssen, wie auch der zuletzt etwas gedämpfte Börsenkurs andeutet. Zum einen stehen nun Verkäufe einzelner Bereiche an, um die Wettbewerbsaufsicht zufriedenzustellen, und zum anderen wird E.ON den Integrationsprozess mit Fingerspitzengefühl managen müssen, um weder Mitarbeiter noch Partner und Kunden zu verschrecken. Wenn das gelingt, dann könnte der Konzern eine der großen Erfolgsgeschichten der Energiewende werden.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Berkshire Hathaway (B-Aktien). The Motley Fool besitzt die folgenden Optionen: Short Januar 2021 $200 Puts auf Berkshire Hathaway (B-Aktien) und Long Januar 2021 $200 Calls auf Berkshire Hathaway (B-Aktien). The Motley Fool empfiehlt NextEra Energy.

Motley Fool Deutschland 2019

Autor: Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst