Die TUI-Aktie (WKN: TUAG00) ist ein schwieriger Fall. Kommt sie gestärkt aus dieser Krise heraus oder wird diese Krise sie vernichten? Zuletzt ist der Optimismus wieder deutlich zurückgegangen. Vor einem möglichen Investment sollten wir uns vergewissern, was nun Sache ist.

Zur TUI-Aktie überwiegt der Pessimismus

Schaut man sich die Analysteneinschätzungen der letzten Monate an, dann ergibt sich ein desaströses Bild. Einige raten zum Halten, doch die meisten empfehlen, die Papiere aus dem Depot zu werfen. Im August bestätigte Goldman Sachs ein Kursziel von 1,70 Euro. Das wäre weniger als die Hälfte der aktuell 3,75 Euro und entspräche einer Marktkapitalisierung von nur noch 1 Mrd. Euro.

Ende Mai und Anfang Juni erreichte der Kurs noch Zwischenhochs von 6 Euro. Als integrierter Konzern mit eigenen Fliegern und Hotels würde die TUI im wichtigen Sommergeschäft einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz haben, weil sie ein durchgehendes Sicherheitskonzept implementieren kann.

Dennoch herrscht bei den Urlaubern weiterhin riesige Unsicherheit. Die ständig wechselnden Reisehinweise und Testprozederes machen eine solide Planung fast unmöglich. Niemand will riskieren, im Ausland auf unbestimmte Zeit in Quarantäne festzusitzen oder nach der Rückreise Probleme zu bekommen.

Was die Zahlen sagen

Das trübt die kurzfristigen Geschäftsaussichten der gesamten Tourismusindustrie. Doch wie kann es sein, dass ein Konzern, der in guten Jahren 17 Mrd. Euro Umsatz macht, nur noch 2 Mrd. Euro wert sein soll — bzw. 1 Mrd. Euro, wenn es nach Goldman Sachs geht?

Zunächst muss man feststellen, dass die Post-Corona-TUI nicht die gleiche sein wird wie zuvor. Das Kreuzfahrtgeschäft wurde bereits reduziert und könnte noch mehrere Jahre schwach performen, da das Vertrauen der Kundschaft in diese Form des Reisens nachhaltig beschädigt sein könnte. Und selbst wenn wie geplant alle Schiffe im Frühjahr wieder im Einsatz sind, werden die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen kostentreibend wirken.

Auch die Fluglinie wird zusammengeschrumpft und zahlreiche Reisebüros schließen. Damit wird klar, dass die 17 Mrd. Euro Umsatz nicht so schnell zurückkommen. Früher gelang es der TUI meistens, ein operatives Ergebnis (EBIT) von über einer halben Milliarde Euro zu erwirtschaften. Unter den aktuellen Bedingungen wird diese Marke jedoch wohl erst wieder in vielleicht drei bis vier Jahren übertroffen werden können — trotz aller Sparmaßnahmen und Digitalisierungsinitiativen.

Von einem etwaigen Betriebsgewinn gehen dann noch die Zinsen ab, welche durch die um 2,85 Mrd. Euro erhöhte revolvierende Kreditlinie sowie die Wandelanleihe in Höhe von 150 Mio. Euro deutlich steigen werden. Wenn dann mittelfristig noch 250 Mio. Euro als Nettogewinn unter dem Strich bleiben, wäre es schon ein Erfolg.

Trotz der gemischten Aussichten gehört die TUI zu den stärksten Unternehmen der gebeutelten Branche. Gelingt die Stabilisierung und die schrittweise Zurückführung der Darlehen, dann könnte die TUI in fünf bis zehn Jahren wieder gute Gewinne schreiben. Entsprechend sollte auch die Marktkapitalisierung bis zum Ende der Dekade wieder frühere Niveaus erreichen. Schließlich rechtfertigen Nettogewinne jenseits von 500 Mio. Euro sicherlich eine Bewertung von 6 bis 9 Mrd. Euro, entsprechend dem Drei- bis Vierfachen von heute.

Entscheidend ist die Liquidität

Eine Vervierfachung innerhalb von 9 Jahren wäre klasse. Das entspricht eine jährlichen Rendite von 16,7 %. Einen so hohen Wert findet man aktuell auch bei Topaktien nicht so häufig. Doch wie so oft haben hohe Renditeaussichten ihren Preis. Schließlich ist noch längst nicht sicher, ob sich ein positives Szenario entfalten wird, das die TUI wieder in die Gewinnerspur bringt.

Am Wichtigsten ist wohl, dass die jetzt gewährten Mittel genügen und keine Verwässerung eintritt. Die nächsten zwei Jahre könnten noch heikel werden. Schließlich läuft die revolvierende Kreditlinie der KfW maximal bis Juli 2022. Bis dahin muss die TUI beweisen, dass sie zukunftsfähig aufgestellt ist und sich am Markt refinanzieren kann.

Am 12. August waren noch 1,2 Mrd. Euro in der Kasse. Weitere 1,2 Mrd. Euro kommen nun hinzu. Im Frühlingsquartal verbrannte die TUI rund 600 Mio. Euro pro Monat. Jetzt im Sommerquartal wollte man operativ keine weiteren Mittel verlieren, aber ich fürchte, dass die ständig neu aufflammenden COVID-Herausforderungen diesen Hoffnungen einen Strich durch die Rechnung machen.

Für das Herbst-/Weihnachtsquartal erwartet das Management — nach meiner Interpretation von „niedrigem einstelligem Hundertmillionenbetrag pro Monat“ — einen Kapitalabfluss von 500 bis 1000 Mio. Euro. Wenn man dann noch an den nicht-operativen Mittelabfluss denkt, dann kann es gut sein, dass die TUI mit weniger als 1 Mrd. Euro in das Jahr 2021 geht.

Und es ist absehbar, dass Corona uns auch im ersten Halbjahr 2021 noch beschäftigen wird. Die Gefahr, dass die TUI zum Anfang der Sommersaison 2021 auf dem Zahnfleisch geht, ist real.

Immerhin: Bis dahin sollte die Kostenbasis deutlich getrimmt sein und die Buchungen für die nächsten Sommerferien sind bereits jetzt hervorragend angelaufen. Man sollte die Risiken einkalkulieren, aber auch nicht überschätzen. Wenn sich das Umfeld nicht dramatisch verschlechtert, wird die TUI wieder auf die Beine kommen — und in diesem Fall kann ich mir kaum vorstellen, dass es die Aktie noch einmal für 3,75 oder gar 1,70 Euro gibt.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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Autor: Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

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