Viele Lebensmittel sind eigentlich zu billig. Denn die bei ihrer Produktion entstehenden Umweltschäden finden im Preis keinen Niederschlag. Darauf macht in dieser Woche der Discounter Penny aufmerksam, indem er für 9 seiner mehr als 3000 Produkte die «wahren Preise» verlangt. Umwelt- und Verbraucherschützer sehen in der vielbeachteten Aktion aber nur einen ersten Schritt und verlangen jetzt von Politik, Industrie und Handel weitergehende Maßnahmen. Es gab aber auch deutliche Kritik an der Aktion des Billiganbieters.

Greenpeace lobte: «Die wahren Preise bei Penny machen anschaulich, dass viele Nahrungsmittel ohne Rücksicht auf Umwelt und Klima erzeugt werden.» Doch reiche dies nicht aus. «Der Aktion im Supermarkt müssen endlich grundlegende Maßnahmen folgen. Die Supermarktketten sind dabei ebenso in der Pflicht wie die Bundesregierung», sagte am Montag der Landwirtschaftsexperte der Umweltorganisation, Matthias Lambrecht. Greenpeace schätzt die Umwelt- und Klimaschäden durch die Herstellung von Fleisch- und Milchprodukten in Deutschland auf rund sechs Milliarden Euro im Jahr.

Vorschlag: Pflanzliche Lebensmittel ohne Mehrwertsteuer

Um dies zu ändern, plädiert die Organisation dafür, die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Lebensmittel abzuschaffen. Parallel könne die Mehrwertsteuer auf Fleisch und Milchprodukte, deren Produktion wesentlich umweltbelastender sei als die von Obst und Gemüse, kräftig erhöht werden. So könne eine Änderung der Konsumgewohnheiten gefördert werden.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Bundesverband der Verbraucherzentralen forderten bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur, das Problem der verdeckten Umweltkosten bei der Lebensmittelproduktion müsse endlich konsequent angegangen werden. «Wir halten es für notwendig, dass Produkte zu Preisen verkauft werden, die deutlich näher an ihrem "wahren Preis" liegen», erklärte der BUND. Dabei müsse jedoch zwingend ein sozialpolitischer Ausgleich für finanziell schwächer gestellte Menschen stattfinden, betonte der Verband.

«Wahre Preise» für 9 Produkte bei Penny

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht die Politik in der Pflicht: Sie müsse höhere gesetzliche Standards für eine umwelt- und tiergerechte Lebensmittelproduktion durchsetzen. Gleichzeitig müsse es ihr aber gelingen, die Preissteigerungen bei Lebensmitteln für die Menschen finanziell abzufedern. «Geeignete Maßnahmen dazu wären eine Mehrwertsteuersenkung für Obst und Gemüse und eine hochwertige und kostenlose Kita- und Schulverpflegung, betonte die vzbv-Lebensmittelexpertin Sabrina Göddertz.

Der Hintergrund der Diskussion: Seit Montag verlangt der Discounter Penny für 9 seiner mehr als 3000 Produkte eine Woche lang die «wahren Preise» - also den Betrag, der bei Berücksichtigung aller durch die Produktion verursachten Umweltschäden eigentlich berechnet werden müsste. Die Produkte vom Käse bis zum Wiener Würstchen werden dadurch um bis zu 94 Prozent teurer, wie die Handelskette mitteilte. Die Mehreinnahmen will die zur Rewe-Gruppe gehörende Kette für ein Projekt zum Klimaschutz und zum Erhalt familiengeführter Bauernhöfe im Alpenraum spenden. Der Händler will mit dem Schritt nach eigenen Angaben mehr Bewusstsein für die Umweltbelastungen durch die Lebensmittelproduktion schaffen.

Es gibt viel Kritik an der Aktion des Discounters

Doch gab es auch Kritik an der Aktion. Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, urteilte: «Die Penny-Aktion zu «wahren Kosten» ist vor allem ein auf Kosten der Bauern ausgetragenes Greenwashing-Projekt eines Discounters, der sich ansonsten wenig für faire Bepreisung interessiert.» Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sprach von einem reinen PR-Gag. Während Penny für gerade einmal neun seiner Produkte die «wahren Preise» verlange, drücke der Discounter gleichzeitig die Preise für etliche andere klima- und umweltschädliche Lebensmittel wie Fleisch aufs Minimum.

Die Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Stefanie Sabet, warnte, eine Verteuerung der Lebensmittel im Sinne der Nachhaltigkeit dürfe nicht zu einer Sozialauswahl an der Kasse führen. Deshalb sei in der Debatte um «wahre Preise» eine gemeinsame Lösung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erforderlich.

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