BORKUM (dpa-AFX) - Umweltschützer kritisieren Überlegungen der niedersächsischen Landesregierung, nun doch neuen Erdgasförderungen nahe des Wattenmeers vor der Insel Borkum zuzustimmen. Damit könnte aus Sicht der Befürworter angesichts des Ukraine-Kriegs die Abhängigkeit von russischen Gas-Lieferungen verringert werden. "Diese Überlegungen kann man zwar als Kurzschlussreaktion nachvollziehen, aber von der Landesregierung erwartet der Nabu mehr Weitsicht", teilte der Landesvorsitzende des Umweltschutzverbands Nabu in Niedersachsen, Holger Buschmann, am Mittwoch in Hannover mit.

Der Naturschutzverband bemängelte, dass Maßnahmen zur Energiewende und zum Schutz des Klimas noch immer zu langsam voran gingen. "Wir befinden uns tatsächlich in einem Dilemma. Und es rächt sich nun, dass die Landesregierung, aber besonders die vergangenen Bundesregierungen, nicht genug für eine naturverträgliche Energiewende getan haben", teilte Buschmann weiter mit. Nach Ansicht des Nabus bräuchte es "naturverträgliche Lösungen", die die Energieversorgung einerseits sichern, aber auch das Klima und Ökosysteme schützen.

Aktuell laufen Planungen des niederländischen Unternehmens ONE-Dyas B.V., das Erdgas aus einem Feld zwischen den Inseln Schiermonnikoog und Borkum fördern und dazu eine Plattform auf See errichten will. Das Gebiet liegt nahe des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, Teile des Erdgasfeldes befinden sich auf deutschem Hoheitsgebiet. Die Plattform soll im niederländischen Küstenmeer liegen, aber nur etwa 500 Meter von den deutschen Hoheitsgewässern entfernt und ungefähr 20 Kilometer vor der Küste Borkums. Wie das Wirtschaftsministerium in Hannover am Mittwoch mitteilte, werden in dem Vorkommen 60 Milliarden Kubikmeter förderbarer Erdgasreserven geschätzt. Die Hälfte werde auf deutschem Hoheitsgebiet verortet, hieß es.

Die rot-schwarze Landesregierung hatte sich im vergangenen Sommer gegen das Vorhaben positioniert. Die Genehmigung einer Bohrung von den Niederlanden aus bis in den deutschen Teil der unterirdischen Lagerstätte sollte nicht erteilt werden.

Angesichts der Unsicherheiten bei der Energieversorgung durch den Krieg in der Ukraine hatte Umweltminister Olaf Lies nun eine Abkehr von dieser Position ins Spiel gebracht. Auch die FDP-Landtagsfraktion hatte eine Kehrtwende bei diesem Thema gefordert, die Grünen sind dagegen.

Am Mittwoch sprach sich nun auch Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) für eine Neubewertung aus. Angesichts des Krieges in der Ukraine gebe es einen breiten politischen Konsens, die Abhängigkeit von russischem Gas zügig zu verringern - Erdgasförderungen im Inland und in Nachbarländern seien dabei ein möglicher Baustein. "Aus diesem Grund haben wir das Thema neu bewertet und werden zeitnah Gespräche mit One Dyas führen, was unter diesen neuen Gegebenheiten denkbar ist", teilte Althusmann mit. "Dabei sollten vor allem Aspekte wie größtmöglicher Naturschutz, konsequente Überwachung der Umweltauswirkungen, ein klar definierter Förderzeitraum sowie Zusagen für eine Aufteilung der Fördermengen im Vordergrund stehen."/len/DP/he