FRANKFURT (dpa-AFX) - Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing rät aktuell von einer Erweiterung der Gruppe der Euroländer ab. "Im Moment sieht es nicht so aus, dass der Euro sich verbessern würde, wenn da noch mehr Länder teilnehmen", sagte Issing im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt anlässlich des 20. Jahrestages der Einführung des Euro-Bargeldes zum 1. Januar 2002. Er sehe derzeit nicht, "dass einzelne Länder darauf hinreichend vorbereitet sind", sagte Issing.

Nicht jedes neue Land schwächt den Euro, davon kann keine Rede sein", betonte der Würzburger Wirtschaftsprofessor, der zunächst Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank (Oktober 1990 - Mai 1998) war und anschließend in gleicher Position bei der Europäischen Zentralbank (EZB/Juni 1998 - Mai 2006) tätig war. "Es muss aber dauerhafte Stabilität gewährleistet sein. Es reicht nicht, sich hübsch zu machen für den Moment der Hochzeit und danach wieder in alte, schlechte Gewohnheiten zurückzuverfallen."

Als bislang letztes Land war zum 1. Januar 2015 Litauen in den Kreis der Länder mit der Gemeinschaftswährung aufgenommen worden - als 19. Mitglied der Eurozone. Kroatien und Bulgarien bemühen sich seit Jahren, die Kriterien für eine Aufnahme zu erfüllen.

In den EU-Verträgen haben sich alle Staaten der Europäischen Union verpflichtet, den Euro einzuführen, sobald sie die Voraussetzungen wie Preisstabilität und solide Staatsfinanzen erfüllen. Eine Ausnahme von der Regel erstritten sich im Vertrag von Maastricht nur Dänemark und das inzwischen aus der EU ausgetretene Vereinigte Königreich.

Schon jetzt sei die Heterogenität der Länder und damit auch der Interessen ist ein riesiges Problem für die EZB und die gemeinsame Geldpolitik für den Euroraum, sagte Issing. "Wichtig ist, dass auch die nationalen Notenbankpräsidenten einen Kurs verfolgen, der den Euro stabil hält und sich nicht nationalen Interessen hingeben. Sie sind nicht die Vertreter nationaler Interessen. Aber wenn der Kauf von Staatsanleihen eine so dominante Rolle in der Politik der EZB spielt, dann ist es eben sehr schwierig, nationale Belange zurückzustellen."

Für 11 der damals 15 EU-Mitgliedstaaten wurde der Euro am 1. Januar 1999 gesetzliches Zahlungsmittel - zunächst nur elektronisch, vom 1. Januar 2002 an dann auch in Form von Scheinen und Münzen. Heute ist der Euro für gut 340 Millionen Menschen in 19 EU-Staaten offizielles Zahlungsmittel.

Dass der Euro sein Image als "Teuro" noch immer nicht ganz abgeschüttelt hat, kann Issing nicht nachvollziehen. "Ich verstehe das durchaus, dass mit Einführung der Euro-Banknoten 2002 der Eindruck entstanden ist: "Alles ist teurer geworden"", sagte der Ökonom. "Das gilt aber nur für Waren des täglichen Verbrauchs. Das Brötchen, der Restaurantbesuch, das sind Dinge, die sich eindeutig verteuert haben. Aber die "Alles-wurde-teurer"-Wahrnehmung geht an der Wirklichkeit vorbei. Denn zum Beispiel die Mieten, die zusammen mit den Heizkosten rund ein Drittel des Budgets ausmachen, sind damals in Deutschland konstant gewesen, und das über Jahre. Der Betrag wird vom Konto abgebucht, das nimmt man nicht so wahr."

Somit sei "die gefühlte Inflation (...) der tatsächlichen weit voraus gewesen und es hat eine ganze Weile gedauert, bis dieser Eindruck verschwunden ist", sagte Issing.

Weniger Platz für Gefühle war beim Design der Euro-Scheine: Bis heute stehen Bauwerke, die es in Wirklichkeit nicht gibt, für Europa. "Als wir in der Bundesbank diskutiert haben, wie die neuen Euro-Scheine aussehen sollten, war mir von Anfang bewusst, dass das nur möglich ist mit Symbolen, die keinen nationalen Charakter aufweisen", erinnerte sich Issing. "Stellen Sie sich vor, die Franzosen hätten darauf bestanden, Napoleon auf einem Geldschein zu haben. Da hätten die Länder, die unter Napoleon gelitten haben, protestiert. Und so gibt es viele Beispiele. Man hat sich dann für Symbole entschieden völlig neutraler Art: Brücken. Das sollte das Symbol sein: Der Euro baut Brücken in Europa."

Bei der Gestaltung neuer Banknoten wollen Europas Währungshüter nun Brücken bauen zu den Verbrauchern: Die EZB werde "mit den europäischen Bürgerinnen und Bürgern in einem Verfahren zusammenarbeiten, das 2024 zu einer endgültigen Entscheidung führen dürfte", teilte die Notenbank Anfang Dezember mit./ben/DP/stk