Alles bullish in 2022 oder was? Der Fear & Greed Index steht im sattgrünen Bereich. Noch vor einem Monat zeigte er "Extreme Fear" an. Bleibt jetzt alles gut? Können wir uns die Hände reiben oder wo lauern Crash-Gefahren?

Jetzt am Anfang des Jahres fragen sich die Börsianer, ob der Bullenmarkt so weiter geht oder in 2022 besondere Crash-Gefahren warten. Welche gefährlichen Klippen lauern im neuen Börsenjahr? Inwiefern bilden die Schlagworte Lieferengpässe, Handelskrieg USA-China, schwächere Konjunktur, Inflation, Zinserhöhungen sowie Corona die gefährlichsten Crashrisiken ab? Wie können Anleger um diese herumschiffen? Antworten von drei Top-Kapitalmarkt-Experten.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, sieht im neuen Jahr vor allem geldpolitische Crash-Klippen und kann sich einen Seitenhieb in Richtung EZB nicht verkneifen: „Omikron spielt an der Börse keine Rolle mehr, längst haben sich die Kapitalmärkte anderen Themen zugewendet. Ganz oben auf der Liste steht nach wie vor die Inflation. Aus den USA kann man lernen, dass die Kapitalmärkte eine geldpolitische Straffung verkraften, wenn sie rechtzeitig kommt. Je weiter die EZB notwendige Gegenmaßnahmen verschleppt, desto größer werden die Risiken für Aktien und Anleihen. Natürlich ist auch die Weltpolitik weiterhin ein Störfaktor. Die USA und China sind mit ihrer inneren politischen Stabilität beschäftigt. Da bleibt für andere Krisenherde etwa in Osteuropa oder in der arabischen Welt wenig Aufmerksamkeit. Aber insgesamt wird dieses Jahr eher ein Jahr der Geldpolitik statt der Geopolitik.“

Betont zuversichtlich angesichts der mutmaßlich wichtigsten Crash-Klippen 2022 äußert sich der Leiter Aktien Concentrated bei Union Investment, Jürgen Hackenberg, im Gespräch mit wallstreet:online. Er sehe "keine Trendwende oder gar eine Eskalation" aufgrund der Pandemie oder geopolitischen Problemfeldern. Allerdings ist für ihn wie für Ulrich Kater die Geldpolitik der entscheidende Faktor 2022: "Die Straffung in den USA verbunden mit der aktuell hohen Inflation, mag Anleger auf den ersten Blick abschrecken. Doch die Teuerungsrate sollte sich im Jahresverlauf normalisieren. Und entscheidend ist das konjunkturelle Gesamtbild, das trotz aller Widrigkeiten intakt ist. Die globale Wirtschaft wird weiter wachsen, wenn auch nicht mit der Dynamik wie 2021", blickt Jürgen Hackenberg von Union Investment voraus.

So heißt es für den Börsenprofi Hackenberg: Volle Kraft voraus auf dem Aktienmarkt, auf dem sich seiner Meinung nach vor allem Titel mit Preissetzungsmacht behaupten werden: "Für Aktien besteht im neuen Jahr Grund zu Optimismus: Wir rechnen mit einer Fortsetzung des Gewinnzyklus und weiter steigenden Unternehmensgewinnen. Das sollte für solide Kursanstiege ausreichen. Die Lieferengpässe, die vor allem die deutsche Industrie plagen, könnten den Zyklus etwas in die Länge ziehen, weil die Nachfrage weiter stark ist. Sobald sich die Lücken in den Lieferketten schließen, bekommen die Unternehmensgewinne einen weiteren Schub. Vor allem große Unternehmen mit einer starken Marktstellung können ihre Preissetzungsmacht nutzen, um in diesem Umfeld ihre Profitabilität zu halten oder sogar zu verbessern", so Hackenberg.

Ähnlich optimistisch gibt sich Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privatkundenbank Deutschland der Deutsche Bank. Allerdings geht Stephan von einer höheren Volatilität in 2022 aus: "Da auch sowohl die volkswirtschaftlichen Wachstumsaussichten als auch die Erwartungen für die Unternehmensgewinne für das Gesamtjahr positiv sind, positionieren sich Anleger zu Beginn des Jahres. Dennoch glaube ich, dass in 2022 die Volatilität am Markt höher sein wird. Solange beispielsweise China seine No-COVID-Strategie nicht aufgibt (also mindestens bis nach den olympischen Spielen), sollte eine Erholung der globalen Lieferketten schwierig werden. Auch die Inflation dürfte noch länger von sich reden machen, obwohl die Zahlen aufgrund der Basiseffekte niedriger ausfallen sollten. Und auch politisch bleibt einiges zu tun. Das gilt weltweit, aber auch in Europa, wo es nun darum gehen wird, die fiskalischen Spielräume für künftiges Wachstum zu nutzen", so Stephan von der Deutsche Bank, der am Ende seiner Analyse Tipps gibt, wie Anleger durch kommende Phasen von "steigenden Zinsen und insgesamt steigenden Aktienkursen" kommen könnten.

"Bei den Anleihen empfehlen sich ausgewählte Papiere von Unternehmen oder aus Emerging Markets. Bei den Aktien empfehle ich einen Barbell-Ansatz aus zyklischen Value Werten, die sich insbesondere im Laufe des ersten Halbjahres gut entwickeln sollten und Technologieaktien. Darüber hinaus scheinen mir sogenannte Alternative Investments von Interesse. Diese können Immobilien, aber auch Finanzinvestoren wie Private Equity oder Hedge Funds sein", schließt der Kapitalmarkt-Experte.

Autor: Christoph Morisse, wallstreet:online Zentralredaktion


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