Florian Wagner (34), besser bekannt als Geldschnurrbart, ist Frugalist, Profisparer, Investor und Autor. Mit 40 will er in Rente gehen. Wie er das erreichen will, erfahren Sie in einem Exklusiv-Interview bei w:o.

wallstreet:online: Du bezeichnest Dich selbst als Frugalist. Lebensfreude ist nach Deinen Aussagen das oberste Ziel der Frugalisten. Ist aus Deiner Sicht finanzielle Freiheit die Voraussetzung, um glücklich im Leben zu sein?

Geldschnurrbart: Klares Nein. Mehr finanzielle Unabhängigkeit (finanzielle Freiheit ist nur die oberste Stufe) ermöglicht mehr Freiheiten, was es uns leichter macht, die Lebensqualität zu erhöhen. Wenn die Tochter geboren wird in Teilzeit zu gehen, weniger finanzielle Sorgen, wenn das Auto kaputt geht oder als Gutverdiener eine "Rente mit 40"*. Wenn Geld verdienen zu einer Option wird, auf die man nicht mehr angewiesen ist, wählt man Arbeit, Projekte und Zeitumfang basierend auf der eigenen Motivation. Das merke ich heute in der Selbstständigkeit, die ich mehr genieße als mein Ingenieursjob mit festen Vorgaben damals. Dass mein Buch "Rente mit 40" direkt ein Bestseller* wurde zeigt, dass sich viele Angestellte nach einer Alternative sehnen und leider die Mehrheit den Job hauptsächlich des Geldes wegen ausüben.

wallstreet:online: Warum bist Du Frugalist geworden?

Geldschnurrbart: Ich war von der Idee begeistert, Jahrzehnte vor dem Rentenalter nicht mehr auf ein Arbeitseinkommen angewiesen zu sein. Als ich recherchierte wie diese Frugalisten das machen, habe ich gesehen, dass sie sich nicht einschränken oder gar verzichten. Vielmehr wählen sie die Ausgaben effizient, dass sie ihnen viel Lebensfreude bringen und das nachhaltig. Meine Ausgaben habe ich daraufhin genauer unter die Lupe genommen und transparent auf geldschnurrbart.de dargestellt: Plötzlich konnte ich über 60 Prozent im Angestelltenjob monatlich sparen und investieren. Ich reduzierte Fastfood, fuhr mit dem Rad zur Arbeit statt mit der Bahn und machte mehr Wanderurlaube mit Kumpels statt faulen Pauschalurlaub. In den vier Jahren konnte ich einen Puffer aufbauen, der meine Lebenshaltungskosten sieben Jahre gedeckt hätte: Das gab mir den Mut, zu kündigen, nachdem ich zu lange nicht mehr zufrieden im Angestelltenjob war.

wallstreet:online: Wie hoch ist Deine Sparquote derzeit?

Geldschnurrbart: Meine Sparquote im Angestelltenjob betrug rund 30 Prozent, als ich noch keinen Überblick hatte. Dann habe ich ein Excel Haushaltsbuch (Finanzexcel) aufgesetzt und Ausgaben hinterfragt: So wurden 60 Prozent Sparquote daraus. Nachdem meine Ausgaben so weit optimiert waren, dass eine weitere Reduzierung meiner Lebensqualität geschadet hätte, ging ich an die Einkommensseite. Hier baute ich Zusatzeinkommen durch Online-Business auf wie Blogs, Affiliate-Webseiten etc. Durch die Selbstständigkeit heute ist die Einkommensseite der größte Hebel: Hier liegt meine Sparquote aktuell zwischen 70 - 80 Prozent.

wallstreet:online: Du empfiehlst eine hohe Spar- und Investitionsquote. Wichtig seien dabei insbesondere risikoarme Investments. Welche risikoarmen Investments bringen aus Deiner Sicht Anlegern genügend Rendite, um langfristig die finanzielle Freiheit zu erreichen?

Geldschnurrbart: Zu Beginn des Vermögensaufbaus ist die Rendite gar nicht der springende Punkt, sondern wie viel ich monatlich investieren kann (Sparquote schlägt Rendite). Je mehr Vermögen aufgebaut ist, desto wichtiger wird die Rendite. Rendite ist eine Belohnung für Risiko, ohne Risiko keine Rendite. Im Finanzkurs rechne ich vor, dass unser Geld auf dem Sparbuch nur "vermeintlich sicher" ist. Sicher ist hier nur eines: Unser Geld verliert pro Jahr mindestens zwei Prozent an Kaufkraft (Inflation). Daher zeige ich den Kursteilnehmern, dass nach dem Ansparen eines Notgroschens (3-5 Monatsausgaben), dem Abbau von Schulden, die Investition am Aktienmarkt sinnvoll ist. Nicht spekulieren, aber breit gestreut z. B. mit einem ETF Sparplan auf den MSCI World (keine Anlageempfehlung) investieren, um vom Wachstum des gesamten Aktienmarktes zu profitieren.

wallstreet:online: Was war Dein bisher bestes und was Dein schlechtestes Investment?

Geldschnurrbart: Schlechtestes Investment bisher: DekaTeam Biotech Fonds der Sparkasse – gekauft mit 15 Jahren, ohne eine Ahnung zu haben. Kurze Zeit später mit 30 Prozent Verlust verkauft –. Das weiß ich heute besser :)

Bestes Investment bisher: Bitcoin, Tesla sowie die Investition in das Online-Business (Fix & Flip von Webseiten) – hier liegt die Rendite bei mehreren hundert Prozent pro Jahr. Das heutige Online-Zeitalter ist eine extreme Chance unserer Generation, wir sollten sie nutzen. Das Interview schreibe ich aktuell aus einem Coworking-Space auf Bali :)

wallstreet:online: Steckt hinter dem Traum der Frugalisten nicht der naive Irrglaube, dass die Aktienmärkte immer weiter steigen werden? Und: Hast Du die Möglichkeit stark und längerfristig fallender Kurse in deinem Finanzplan berücksichtig?

Geldschnurrbart: Niemand weiß, wie sich die Zukunft entwickelt. Die letzten 100 Jahre stieg der Aktienmarkt (trotz Weltwirtschaftskrisen etc.) jährlich um rund 7 Prozent. Das muss nicht so weitergehen, ist aber besser als das Geld auf dem Sparbuch zu horten und mit Sicherheit pro Jahr, um die Inflation entwerten zu lassen. Wenn Kurse fallen, laufen monatliche Sparpläne weiter und wir können günstiger einkaufen. Eine "Rente mit 40" würde ich auch nie Spitz auf Knopf rechnen, die Vier-Prozent-Regel (25fache der Jahresausgaben als Vermögen) ist lediglich eine Faustregel und ein erster Anhaltspunkt.

wallstreet:online: Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit für Dich bei der Geldanlage?

Geldschnurrbart: Nachhaltigkeit ist im Leben und bei meinen Entscheidungen im Alltag wichtig. Das ganze Frugalismuskonzept beruht auf Effizienz: Viel Output (Lebensfreude) für möglichst wenig Einsatz von Ressourcen. Heute esse ich weniger Fleisch als früher – wenn ich Fleisch esse, dann aber von hoher Qualität, Bio und regional. Eine Bohrmaschine kaufe ich mir in guter Qualität alle 20 Jahre, anstatt das Schnäppchen für 29,90 Euro jedes zweite Jahr. Bei der Geldanlage berücksichtige ich dies, soweit es geht. Allerdings wird mit dem Begriff Nachhaltigkeit bei der Geldanlage auch viel "Greenwashing" betrieben – das muss sich noch weiterentwickeln.

wallstreet:online: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Ferdinand Hammer, stellvertretender Chefredakteur wallstreet:online

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