BERLIN (dpa-AFX) - Trotz andauernder Kämpfe in der Ukraine sind die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien am Dienstag nach Kiew gereist. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, sein Stellvertreter Jaroslaw Kaczynski sowie Tschechiens Regierungschef Petr Fiala und sein slowenischer Amtskollege Janez Jansa wollten dort den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Regierungschef Denys Schmyhal treffen. Zwischen Russland und der Ukraine wurden die am Montag vertagten Gespräche fortgesetzt.

Unterdessen gingen die russischen Attacken auf ukrainische Städte auch am 20. Kriegstag weiter. Bei einem Angriff auf einen Fernsehturm starben nahe der nordwestukrainischen Großstadt Riwne nach ukrainischen Angaben 19 Menschen, 9 wurden verletzt. In der Nähe der südukrainischen Großstadt Mykolajiw wurde eine Schule beschossen und sieben Menschen getötet. Das Ochmatdyt-Krankenhaus in Lwiw (Lemberg) nahe der polnischen Grenze ist nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef überlastet durch die Anzahl an verletzten Kindern, die aus umkämpften Regionen eintreffen.

Ukrainische Truppen haben derweil nach eigenen Angaben einen russischen Vorstoß in der umkämpften Hafenstadt Mariupol abgewehrt. Dabei seien etwa 150 Angreifer getötet sowie zwei Panzer und mehrere gepanzerte Fahrzeuge zerstört worden, teilte der ukrainische Generalstab am Dienstagmorgen mit. Mariupol am Asowschen Meer wird seit Tagen von Einheiten der russischen Armee und der prorussischen Separatisten belagert. Hunderttausende Menschen harren dort unter katastrophalen Bedingungen aus. Am Dienstag konnten sich nach Behördenangaben etwa 2000 Autos in Sicherheit bringen. Weitere 2000 Autos warteten demnach am Stadtrand. Ob ein Konvoi mit Dutzenden Tonnen Hilfsgütern und leeren Bussen für eine Evakuierung das von russischen Truppen eingeschlossene Mariupol erreicht hat, war am Nachmittag noch unklar.

Solidaritätsbesuch im Kriegsgebiet

Die Entscheidung für die Visite der Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien sei schon beim EU-Gipfel vergangene Woche gefallen, sagte der polnische Regierungssprecher Piotr Müller am Dienstag. Sie verträten "de facto die Europäische Union, den Europäischen Rat". In Kiew werde die Delegation ein Signal der Unterstützung für den Freiheitskampf der Ukraine geben und ein Paket mit konkreter Unterstützung für die Ukraine vorlegen.

Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte sich positiv: Es gehe derzeit darum, "alle Gesprächsformate zu nutzen und die auch aufrecht zu erhalten", sagte der SPD-Politiker am Dienstag in Berlin. Es sei "gut, wenn auf verschiedene Weise versucht wird, in dieser Situation hilfreich zu sein".

Frau mit Plakat im russischen TV steht vor Gericht

Nach ihrem Protest im Staatsfernsehen gegen den russischen Angriffskrieg steht eine TV-Mitarbeiterin nun vor Gericht. Zuvor hatte es stundenlang keine Spur von Marina Owssjannikowa gegeben. Russische Medien berichteten, dass die Frau wegen der Organisation einer nicht erlaubten öffentlichen Aktion belangt werde. Ihr droht demnach eine Arreststrafe von zehn Tagen oder 30 000 Rubel (226 Euro) Ordnungsstrafe oder bis zu 50 Stunden gemeinnützige Arbeit. Die Redakteurin des Ersten Kanals des russischen Staatsfernsehens hatte in den Hauptnachrichten am Montagabend ein Protestplakat gegen den Krieg in die Kamera gehalten. Auf dem Plakat war auch zu lesen, dass die Zuschauer "hier belogen" werden. Zunächst war befürchtet worden, die Frau könnte nach einem umstrittenen neuen Gesetz wegen Diffamierung der russische Armee verurteilt werden. Dabei drohen bis zu 15 Jahre Haft. Nach ihrem Protest wurde Owssjannikowa weltweit eine Welle der Anerkennung zuteil.

Sanktionen auf beiden Seiten

Als Reaktion auf US-Sanktionen hat Russland nun seinerseits Einreiseverbote gegen US-Präsident Joe Biden und andere US-Regierungsmitglieder verhängt. Das Außenministerium in Moskau veröffentlichte am Dienstag eine "schwarze Liste" mit 13 Namen, darunter Außenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin. Es ist das erste Mal, dass Russland eine Liste betroffener Personen veröffentlicht. Auch seitens der EU sollten am Dienstag neue Sanktionen gegen Russland in Kraft treten. Demnach sollen der russische Staat und russische Unternehmen künftig nicht mehr von Ratingagenturen aus der EU bewertet werden dürfen.

Russland und Ukraine sprechen von militärischen Erfolgen

Sowohl Russland als auch die Ukraine berichten von militärischen Erfolgen. Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben an mehreren Fronten russische Angriffe abgewehrt. Nördlich von Kiew sei es russischen Kräften nicht gelungen, die Verteidigungsstellungen zu durchbrechen, teilte der ukrainische Generalstab am Dienstag mit. Auch die westlich der Hauptstadt gelegene Stadt Makariw hätten die Angreifer nicht einnehmen können.

Die russische Armee gab bekannt, dass sie das komplette Gebiet Cherson im Süden der Ukraine unter ihre Kontrolle gebracht habe. Dort leben rund eine Million Menschen. Bestätigt wurde die Besetzung von ukrainischer Seite zunächst nicht. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko hat nach schweren Angriffen auf die Stadt eine Ausgangssperre von Dienstagabend bis Donnerstagfrüh verhängt. In dieser Zeit dürfen die Einwohnerinnen und Einwohner ihre Häuser nur verlassen, um sich in Schutzräumen und Bunkern in Sicherheit zu bringen. Am Dienstagmorgen wurden in der Hauptstadt nach offiziellen Angaben in mehreren Bezirken insgesamt vier Wohngebäude von Raketen getroffen, mindestens zwei Menschen wurden getötet. Russische Truppen versuchen, die Hauptstadt von mehreren Seiten einzukreisen./rew/DP/nas