KIEW/MOSKAU (dpa-AFX) - Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine berichtet Moskau vom Einsatz der Hyperschall-Rakete "Kinschal". Mit der auch als Dolch bezeichneten ballistische Rakete habe die russische Luftwaffe ein ukrainisches Raketenarsenal im Gebiet Iwano-Frankiwsk zerstört. Die Ukraine meldete mehrere Tote und Verletzte bei erneuten russischen Angriffen.

Russland: Hyperschall-Rakete zerstört Raketenarsenal in Ukraine

Durch die Hyperschall-Rakete sei das unterirdische Munitionsdepot der ukrainischen Luftwaffe in Deljatyn im Südwesten der Ukraine am Freitag vernichtet worden, teilte die russische Seite am Samstag mit. Es sei der erste Einsatz im Kampf überhaupt, hieß es. Im Gebiet Odessa am Schwarzen Meer seien zwei Stützpunkte der militärischen Aufklärung zerstört worden. Überprüfbar waren die Angaben nicht.

Bisher kamen die "Kinschal"-Raketen vor allem bei Manövern zum Einsatz - zuletzt wenige Tage vor der Invasion in die Ukraine, die am 24. Februar begann. Abgefeuert werden sie von Kampfflugzeugen des Typs MiG-31. Sie können nach russischen Angaben Ziele unter Umgehung aller Luftabwehrsysteme in bis zu 2000 Kilometer Entfernung treffen und übertreffen die Schallgeschwindigkeit um ein Mehrfaches.

Ukraine meldet weitere Tote bei russischen Angriffen

Die Ukraine berichtete über mehrere Tote und Verletzte bei erneuten russischen Angriffen. Im Ort Butscha nordwestlich der Hauptstadt Kiew seien durch Beschuss am Freitag sieben Zivilisten ums Leben gekommen, teilte die Polizei der Region Kiew mit. In der ostukrainischen Region Donezk sprach die regionale Polizeibehörde von Dutzenden Toten und Verletzten ebenfalls bei Angriffen am Freitag. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Für die bedrängte Zivilbevölkerung in den Kriegsgebieten seien zehn Fluchtkorridore eingerichtet worden. Einer führe aus der seit Tagen besonders schwer umkämpften Stadt Mariupol im Süden in Richtung der zentralukrainischen Stadt Saporischschja. Aus dem umkämpften Gebiet Luhansk im Osten des Landes führten vier Korridore in die Stadt Bachmut. Weitere Fluchtrouten wurden demnach aus Dörfern und Städten um die Hauptstadt Kiew eingerichtet.

In Saporischschja wurde eine anderthalbtägige Ausgangssperre verhängt. Bis Montagmorgen um 6.00 Uhr (5.00 Uhr MEZ) stelle auch der Bahnhof der Stadt seinen Betrieb ein, teilte die ukrainische Eisenbahngesellschaft mit.

Kremlchef Putin telefoniert mit Luxemburgs Premier Bettel

Russlands Präsident Wladimir Putin telefonierte mit Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel. Putin habe auf die "unaufhörlichen Raketenangriffe ukrainischer Kräfte auf Donezk und andere Städte in der Donezker Volksrepublik und der Luhansker Volksrepublik, die zu vielen zivilen Opfern führten" hingewiesen, hieß es in einer Mitteilung des Kreml. Bettel sagte nach einer Mitteilung des luxemburgischen Staatsministeriums, es sei ihm darum gegangen, zur Deeskalation beizutragen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte in einer Liveschalte nach Bern die Schweizer Regierung auf, die Konten aller russischen Oligarchen zu sperren. "Auch das ist ein Kampf gegen das Böse", sagte Selenskyj nach Angaben des Übersetzers vor tausenden Antikriegsdemonstranten, die vor dem Schweizer Parlament demonstrierten.

USA schicken Militärkontingent nach Bulgarien

Zur Stärkung der Nato-Ostflanke wollen die USA ein Truppenkontingent nach Bulgarien entsenden. Das sagte der bulgarische Ministerpräsident Kiril Petkow nach Gesprächen mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin am Samstag in Sofia. Dieses Kontingent soll unter dem Kommando des Nato-Oberbefehlshabers in Europa stehen.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki forderte härtere Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland. Sein Land schlage eine Handelsblockade vor, die so schnell wie möglich in Kraft treten müsse, sagte er nach Angaben der Agentur PAP. Diese müsse sowohl ein Einfahrverbot russischer Schiffe mit russischen Waren in europäischen Seehäfen als auch ein Verbot des Handels auf dem Landweg umfassen.

Die beiden früheren britischen Premierminister Gordon Brown (Labour) und John Major (Konservative) sprachen sich für ein gesondertes Kriegsverbrechertribunal für die Ukraine aus. Hintergrund sei, dass eine Anklage gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen des Befehls zum Angriffskrieg gegen die Ukraine unwahrscheinlich sei, sagte Brown der BBC.

Mehr als 200 000 Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland registriert

In Deutschland registrierte die Bundespolizei seit Beginn des russischen Angriffs nach Angaben des Bundesinnenministeriums vom Samstag 207 742 Kriegsflüchtlinge. Die Zahl der tatsächlich Angekommenen dürfte aber deutlich höher sein. Nach UN-Angaben sind seitdem mehr als 3,1 Millionen Menschen aus der Ukraine ins Ausland geflohen. Allein in Polen kamen bisher rund zwei Millionen Menschen an.

Bildungspolitiker in den Ländern schätzen, dass etwa die Hälfte der in Deutschland ankommenden Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine Kinder und Jugendliche sind, die früher oder später in Schulen oder Kitas unterkommen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, forderte im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland rasche Hilfen für die Schulen, um den geflüchteten Kindern gerecht zu werden.

Am Wochenende waren in vielen deutschen Städten Demonstrationen und Konzerte für den Frieden in der Ukraine angekündigt - am Samstag etwa in Münster, Düsseldorf, Frankfurt, Magdeburg, Hannover und Hamburg. Am Sonntag war unter anderem am Brandenburger Tor in Berlin eine große Kundgebung mit dem Titel "Sound of Peace" mit zahlreichen Musikern geplant./trö/DP/stk