BERLIN (dpa-AFX) - Die Zahl der nachgewiesenen Corona-Neuinfektionen in Deutschland binnen eines Tages hat erstmals den Wert von 10 000 überschritten. Die Gesundheitsämter meldeten nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstagmorgen 11 287 neue Fälle. Der bisherige Höchstwert seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland war am Samstag mit 7830 Neuinfektionen erreicht worden.

RKI-Präsident Lothar Wieler appellierte angesichts der sich schnell zuspitzenden Infektionslage an die Menschen in Deutschland, unbedingt die Corona-Regeln einzuhalten. Er warnte, es sei inzwischen möglich, dass sich das Coronavirus regional unkontrolliert ausbreiten könne. Das Infektionsgeschehen steigere sich drastisch. Es müsse davon ausgegangen werden, dass es wieder mehr schwere Fälle und Tote geben werde.

Um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen, seien Abstand halten, Hygienemaßnahmen und wo nötig das Tragen von Mund-Nase-Masken sowie Lüften, unbedingt zu beherzigen. Wieler empfahl, "in den Bereichen, wo Menschen zusammenkommen, insbesondere in Innenräumen, ganz klar", eine Maske zu tragen.

Corona-Ansteckungen in Verkehrsmitteln oder nach Übernachtungen spielten keine so große Rolle oder kämen eher selten vor, berichtete Wieler. "Ein Großteil der Menschen steckt sich (...) im privaten Umfeld an." In privaten Haushalten nehme die Anzahl der Ausbrüche deutlich zu. "Ansteckungen in Schulen (...) sind zwar bisher nicht sehr häufig und wesentlich seltener, als wir das zum Beispiel von Influenza-Ausbrüchen kennen, aber klar ist, je stärker die Fallzahlen steigen, desto höher werden auch Schulen betroffen sein."

Am Donnerstag vergangener Woche waren mit 6638 Fällen erstmals mehr Neuinfektionen als im Frühjahr gemeldet worden. Die jetzigen Werte sind allerdings nur bedingt mit denen aus dem Frühling vergleichbar, weil mittlerweile wesentlich mehr getestet wird - und damit auch mehr Infektionen entdeckt werden.

Nach der Corona-Infektion von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) werden nun die Testergebnisse anderer Regierungsmitglieder erwartet. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung (Donnerstag) sollen sich alle testen lassen, die mit ihm am Mittwoch an der wöchentlichen Kabinettssitzung im Kanzleramt teilgenommen hatten. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) war bereits mit einem Schnelltest am späten Mittwochnachmittag negativ getestet worden, wie eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur gesagt hatte.

Spahn geht es nach Angaben eines Ministeriumssprechers "den Umständen entsprechend gut". "Er hat weiterhin kein Fieber, zeigt aber Erkältungssymptome", teilte dieser am Donnerstag mit. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem engeren Umfeld des Ministers seien inzwischen ebenfalls auf das Corona-Virus untersucht, aber negativ getestet worden. "Als Vorsichtsmaßnahme arbeiten sie vorläufig aus dem Homeoffice."

Ein Sprecher des Innenministeriums sagte am Donnerstag auf Anfrage, für Minister Horst Seehofer (CSU) bestehe derzeit kein Verdacht einer Corona-Infektion. "Bei allen Kontakten des Ministers, auch bei der gestrigen Kabinettssitzung wurden die Vorsichtsmaßnahmen, insbesondere das Einhalten des Mindestabstandes und das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes berücksichtigt." Im Innenministerium würden die mit der Corona-Pandemie verbundenen Maßnahmen sehr ernst genommen. Dem Vernehmen nach wurde Seehofer, nachdem Spahns Infektion bekannt wurde, negativ auf das Virus getestet.

Zu denjenigen, die nicht im Kabinett waren, zählt Außenminister Heiko Maas (SPD). "Der Minister wurde zuletzt am Dienstag im Rahmen des besonderen Hygiene- und Sicherheitskonzepts für Dienstreisen routinemäßig getestet. Das Ergebnis war negativ", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts.

Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) war nicht im Kabinett, weil er sich gerade vorsorglich in häuslicher Quarantäne befindet. Ihm hatte die Corona-Warn-App zuvor eine Begegnung mit erhöhtem Risiko angezeigt. Ebenfalls gefehlt hat Agrarministerin Julia Klöckner (CDU), die auf dem Rückweg vom EU-Agrarministertreffen in Luxemburg war.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte in der "Rheinischen Post" (Donnerstag): "Es ist an der Zeit, dass die Kabinettsmitglieder regelmäßig auf Corona getestet werden." Regelmäßig bedeute eine Testung möglichst alle zwei bis drei Tage.

Unterdessen geht die Debatte über eine stärkere Beteiligung des Bundestags an Corona-Entscheidungen weiter. Dazu hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) am Montag Vorschläge gemacht. Diese stoßen bei den Oppositionsparteien im Bundestag auf Zustimmung, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab.

"Das mindert und mildert die Probleme", sagte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann. Sein Kollege Jan Korte von der Linken sagte: "Ich sehe fast alle unsere Forderungen bestätigt." Buschmann forderte allerdings zusätzlich, auch die "epidemischen Notlage von nationaler Tragweite" wieder aufzuheben. Diese hatte der Bundestag im März festgestellt und damit der Bundesregierung erst das Recht eingeräumt, am Parlament vorbei auf dem Verordnungsweg über Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zu entscheiden.

Die FDP-Bundestagsfraktion legte am Donnerstag einen eigenen Antrag mit Maßnahmen vor, die dem Parlament wieder mehr Geltung verschaffen sollen. Gefordert wird zum Beispiel, die "weitreichenden und verfassungsrechtlich zweifelhaften Verordnungsermächtigungen" einzuschränken und auf eine zeitliche Entfristung zu verzichten. Auch viele in den vergangenen Monaten vom Bundesgesundheitsministerium auf den Weg gebrachten Verordnungen wären besser geworden, "wenn der Bundestag sich damit beschäftigt hätte und sie anders ausgefallen wären", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus./sk/DP/stk