MÜNCHEN/BERLIN (dpa-AFX) - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im November erneut verschlechtert. Das Ifo-Geschäftsklima, Deutschlands wichtigstes Konjunkturbarometer, fiel gegenüber dem Vormonat um 1,2 Punkte auf 96,5 Zähler, wie das Ifo-Institut am Mittwoch in München mitteilte. Es ist der fünfte Rückgang in Folge. Analysten hatten im Schnitt mit einem etwas moderateren Rückgang gerechnet. Ökonomen deuteten die Resultate als Zeichen wirtschaftlicher Stagnation, schlimmstenfalls sogar Schrumpfung.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag schlägt wegen der verschärften Corona-Lage Alarm. DIHK-Präsident Peter Adrian sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Höchststände an den Aktienmärkten dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass es weiten Teilen der deutschen Wirtschaft schon wieder ziemlich schlecht geht." Viele Selbstständige, kleine Gewerbetreibende und Mittelständler erlebten für ihr eigenes Geschäft aktuell eher Abbruch als Aufbruch.

"Lieferengpässe und die vierte Coronawelle machen den Unternehmen zu schaffen", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die befragten Firmen bewerteten sowohl die aktuelle Lage als auch die Zukunftsaussichten ungünstiger als im Vormonat. Das Geschäftsklima trübte sich in allen betrachteten Wirtschaftsbereichen ein.

Im Gegensatz zur stark exportorientierten deutschen Wirtschaft sind die französischen Unternehmen zuversichtlicher. Das Geschäftsklima hellte sich im November nach Zahlen vom Mittwoch auf und liegt sowohl über dem vor der Corona-Krise verzeichneten Niveau als auch über seinem langfristigen Durchschnitt. Die Lieferprobleme und die hohen Einkaufspreise belasteten die deutsche Wirtschaft offenbar stärker als die französische, kommentierte Ökonom Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen.

Schon seit längerem leiden die deutschen Unternehmen unter erheblichen Engpässen im weltweiten Warenhandel, die bei vielen Rohstoffen und Vorprodukten zu kräftigen Preissteigerungen geführt haben. Zum überwiegenden Teil sind die Engpässe eine Folge der Corona-Pandemie. Verstärkt wird die Belastung durch die sich eintrübende Corona-Lage mit stark steigenden Neuinfektionen. Zahlreiche Bundesländer haben bereits damit begonnen, schärfere Corona-Beschränkungen einzuführen. Das lastet auf den Wachstumsaussichten.

Bankvolkswirte äußerten sich entsprechend skeptisch. Die Konjunktur verliere weiter an Fahrt, sagte Jens-Oliver Niklasch, Ökonom von der Landesbank Baden-Württemberg. "Im Moment dürften die Corona-Lage, die Lieferkettenthematik und der Anstieg der Inflation den Unternehmenssektor belasten." Da zunächst keine Trendwende in Sicht sei, dürfte der konjunkturelle Jahresausklang unerfreulich werden.

Die Zeichen stünden mittlerweile auf Schrumpfung der deutschen Wirtschaft, warnte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, mit Blick auf das Schlussquartal des laufenden Jahres. Vor kurzem sei noch von einer Stagnation ausgegangen worden, mittlerweile sei ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts wahrscheinlich. Auch Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank , äußerte sich pessimistisch: "Die deutsche Wirtschaft dürfte im Winterhalbjahr bestenfalls stagnieren."

DIHK-Präsident Adrian sagte, "mit der Absage von Weihnachtsmärkten, der Stornierung von Weihnachtsfeiern und Übernachtungen erleben ganze Branchen ein ähnliches Szenario wie im Vorjahr". Es treffe vor allem die, die normalerweise 30, 40 Prozent ihres Umsatzes oder mehr in diesen Wochen erzielten. Dass sie die aktuellen Verluste steuerlich nur mit dem Corona-Jahr 2020 verrechnen dürften, sei dabei weder ein Trost noch eine Hilfe. "Wir brauchen da einen stärkeren Blick für die praktischen Probleme und eine belastbare Perspektive", forderte er.

Adrian nannte es richtig, die Corona-Hilfen angesichts der dramatischen Lage noch einmal zu verlängern - der Bund will die bisher bis Jahresende befristete Überbrückungshilfe III Plus bis Ende März 2022 strecken. "Aber alle in der Wirtschaft wissen, dass das auf Dauer kein tragfähiges Wirtschaftsmodell ist." Es sei nun für Firmen und Beschäftigte ein klarer Kompass der Politik notwendig. Das gelte sowohl für den Umgang mit der Corona-Pandemie als auch beim Klimaschutz./bgf/eas/DP/bgf