ESSEN (dpa-AFX) - Beim deutschen Baukonzern Hochtief läuft es seit längerem nicht rund. 2019 war das Unternehmen wegen einer milliardenschweren Abschreibung bei der australischen Tochter Cimic tief in die roten Zahlen gerutscht, und nun hinterlässt die Corona-Pandemie ihre Spuren bei des Essenern. Um am frisches Geld zu kommen, soll nun die Hälfte des australischen Minenausrüsters Thiess an den Hegdefonds Elliott verkaufen. Die wichtigsten Punkte für das Unternehmen, was die Experten sagen und wie es für die Aktie läuft:

DAS IST LOS BEI HOCHTIEF:

Für Hochtief spielt das heimische Geschäft nur noch eine Nebenrolle. Rund 95 Prozent des Konzernumsatzes von zuletzt mehr als 25 Milliarden Euro werden heute außerhalb von Europa erwirtschaftet, vor allem in Australien und den USA. Und dabei lief es bis zum Ausbruch der Corona-Krise im Tagesgeschäft eigentlich gut.

Dass 2019 dennoch unter dem Strich ein Minus stand, lag an der australischen Tochter Cimic. Sie steuert eigentlich den Löwenanteil zum Gewinn bei, zog sich aber wegen erheblich verschlechternder Marktbedingungen aus dem Geschäft im Nahen Osten zurück und musste daher viel Geld abschreiben.

Um die Bilanz von Cimic und auch die eigene zu verbessern, will Hochtief nun die Hälfte des australischen Minenausrüsters Thiess an den Hegdefonds Elliott verkaufen. Die Gespräche sind dem Vernehmen nach schon weit fortgeschritten.

Zu schaffen machte Hochtief zuletzt dann auch noch die Corona-Pandemie zu schaffen. Projekte verzögerten sich und das Geschäft des spanischen Autobahnbetreibers Abertis , an dem Hochtief mit rund 20 Prozent beteiligt ist, läuft wegen der Lockdowns deutlich schlechter.

Außer in Spanien betreibt das Unternehmen vor allem Autobahnen in Frankreich, Chile und Brasilien. Hochtief hatte 2018 gemeinsam mit der spanischen Mutter ACS und dem zur italienischen Unternehmerfamilie Benetton gehörenden Mautstraßenbetreiber Atlantia Abertis übernommen. Im zweiten Quartal fielen Umsatz und Gewinn des MDax -Konzerns denn auch.

Trotz - oder gerade wegen - der Corona-Pandemie gibt sich die Hochtief-Führung aber zuversichtlich. Das Unternehmen baut auch darauf, dass Regierungen verschiedener Staaten zur Bewältigung der Krise stärker in Infrastruktur investieren.

Zu seinen Jahreszielen äußerte sich der Konzern seit der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal Mitte Mai nicht mehr. Gespannt warten Anleger daher auf die Veröffentlichung der Ergebnisse des dritten Quartals Mitte Oktober. Dann könnte es auch Neuigkeiten zu den Jahreszielen geben.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Hochtief - für das Börsenjahr 2020 gilt bislang eindeutig der zweite Teil des Konzernnamens. Das Jahrestief markierte der Kurs am 19. März bei 41,58 Euro. Vorangegangen war dem ein wochenlanger, heftiger Ausverkauf der Aktien, ein Einbruch um mehr als 60 Prozent im Abwärtsstrudel des weltweiten Corona-Crashs.

Die anschließende Erholung führte den Aktienkurs zwar bis Anfang Juni wieder auf 90 Euro nach oben - damit hatten die Papiere gut 70 Prozent der Verluste aufgeholt. Anschließend ging es für sie aber stetig bergab. Zuletzt wurden die Aktien mit knapp 75 Euro gehandelt, womit seit Jahresbeginn ein Verlust von 34 Prozent aufgelaufen ist.

Damit zählt Hochtief zu den großen Verlierern im MDax der 60 mittelgroßen Börsentitel, auch wenn die Verluste bekannter Index-Namen wie Thyssenkrupp , Lufthansa und Fraport noch deutlich höher sind. Die einstigen Höchstkurse von Hochtief sind in weite Ferne gerückt: Mitte 2017 wurden für die Aktien zeitweise mehr als 170 Euro auf den Tisch gelegt.

Den letzten starken Kursimpuls nach oben erhielten die Aktien von Hochtief Anfang Oktober, beflügelt von der Kurs-Rally des spanischen Eigentümers ACS . Das Interesse der französischen Vinci an der Industriesparte des spanischen Baukonzerns ließ die ACS-Aktien inzwischen um mehr als 30 Prozent steigen; die Hochtief-Anteile folgten mit einem Plus von 17 Prozent.

Mit den Milliarden aus einem Verkauf der Sparte könne ACS den Anteil an Hochtief aufstocken, merkten Analysten an. Victor Acitores von der französischen Großbank Societe Generale erhöhte aus diesem Grund sein Kursziel für Hochtief auf 110,20 EUR und riet zum Kauf. Derzeit halten die Spanier gut die Hälfte an Hochtief, das es auf einen Börsenwert 5,3 Milliarden Euro bringt.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Die Corona-Pandemie spiegelt sich laut Analyst Frank Schwope von der NordLB deutlich weniger im Zahlenwerk von Hochtief wider als bei vielen anderen Konzernen. Die Baubranche dürfte seiner Ansicht nach besser durch die Coronavirus-Krise kommen als manch anderer Sektor. Das Unternehmen habe sowohl im ersten Halbjahr als auch im zweiten Quartal deutlich schwarze Zahlen geschrieben. Er rät die Aktie bei einem Kursziel von 80 Euro zu halten.

Analyst Sven Diermeier vom Analysehaus Independent Research wies auf die Belastungen durch die Covid-19-Pandemie auf das zweite Quartal insbesondere auf die Abertis-Beteiligung hin. Die Quartalsergebnisse seien hinter seinen optimistischen Prognosen zurückgeblieben, hätten aber den Marktkonsens übertroffen.

Zudem wies der Experte auf die ursprünglich vom Unternehmen ausgegebenen Ziele für 2020 hin, die bei Vorlage der Zahlen zum zweiten Quartal wie bereits bei den Zahlen zum ersten Jahresviertel weder wiederholt noch offiziell fallengelassen wurden. Diermeier sieht nach wie vor das Risiko einer Gewinnwarnung, was den Markt aber nicht überraschen sollte.

Den geplanten Verkauf der Hälfte des australischen Minenausrüsters Thiess an den Hegdefonds Elliott bewertet der Independent-Analyst im Bezug auf Mittelzufluss, eventuellen Buchgewinn und Reduzierung des Kohle-Risikos positiv.

Insgesamt blicken die Analysten optimistisch auf Hochtief. Von den acht seit Juli von Bloomberg erfassten Experten raten sieben zum Kauf und nur einer zum Halten der Papiere. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 100 Euro./mne/bek/knd/mis/zb/he