BERLIN (dpa-AFX) - Industriepräsident Dieter Kempf sieht die deutsche Wirtschaft vor schwierigen Zeiten - und im Falle eines Chaos-Brexit die Gefahr einer wirtschaftlichen Stagnation in Deutschland. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Die Unsicherheiten in der Wirtschaft sind weiter groß, vor allem wegen internationaler Handelskonflikte und des Brexits. Die Auftragseingänge und die Industrieproduktion gehen zurück, die Unternehmen investieren weniger. Wir erwarten in diesem Jahr ein Wachstum von höchstens 0,5 Prozent. Im Falle eines harten Brexit Ende Oktober droht das Wachstum in Richtung Null zu gehen."

Internationale Handelskonflikte und die Abkühlung der Weltkonjunktur hatten die exportorientierte deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal ausgebremst. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte nach Zahlen des Statistische Bundesamts um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Zum Jahresanfang war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen.

Nach dem schwachen zweiten Quartal sieht die Bundesbank wenig Anzeichen für eine Erholung der deutschen Wirtschaft im Sommer. Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Ökonomen von einer "technischen Rezession". Es handelt sich in diesem Fall aber nur um eine sehr milde Rezession. Anders sähe es aus, wenn die Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr gegenüber dem Vorjahr schrumpft. Damit wird jedoch derzeit nicht gerechnet.

Der BDI und andere Wirtschaftsverbände haben von der schwarz-roten Koalition wiederholt etwa steuerliche Entlastungen für Firmen, einen Abbau von Bürokratie und einen Ausbau der digitalen Infrastruktur gefordert.

Kempf sprach sich gegen einen erneuten zeitlichen Aufschub für Großbritannien beim Ausstieg aus der EU aus. "Die Unternehmen wollen endlich Klarheit. Am besten wäre gar kein Brexit, das Zweitbeste ein Brexit mit Abkommen. Ein harter Brexit oder eine neue Vertagung wären sehr schmerzhaft."

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht beim Brexit noch Chancen für eine Lösung vor dem Austrittsdatum 31. Oktober, wie sie am Donnerstag in Den Haag bekräftig hatte. Umstritten ist vor allem der sogenannte Backstop - die EU verlangt eine Garantie, dass keine Grenzanlagen zwischen Irland und Nordirland nötig werden. Großbritannien will die Klausel streichen. Wird keine Einigung gefunden, droht Ende Oktober ein chaotischer Bruch./hoe/DP/fba