Was ist nur mit thyssenkrupp (WKN:750000) los? Mein Foolisher Kollege Christof Welzel hat im Februar die wichtigsten Negativfaktoren für den thyssenkrupp-Konzern übersichtlich zusammengefasst (siehe hier sein Artikel). Sein Fazit lautete aber auch, dass die Aktie mittlerweile derart billig geworden ist, dass ein Turnaround so langsam in Sichtweite kommen könnte. Nun ist die Talfahrt noch eine weitere Etage tiefer gegangen, sodass es Zeit wird, die Lage erneut zu bewerten.

Analysten scheinen ratlos

Die Mehrzahl der professionellen Beobachter von thyssenkrupp sieht den fairen Wert der Aktie über die kommenden 12 Monate bei rund 25 Euro, also etwa doppelt so hoch wie aktuell. Am negativsten wird die Aktie von Barclays eingeschätzt, deren Analyst im Februar ein Kursziel von 13 Euro gesetzt hat. Sein Hauptargument für den Rat zum Untergewichten war, dass das Joint Venture mit Tata Steel (WKN:946126) nach seiner Einschätzung nur noch einen geringen Wert habe.

Allerdings denke ich, dass man bei thyssenkrupp sehr unterschiedliche Szenarien in seine Bewertung einbeziehen muss. So dürfte das Gemisch aus Konjunktursorgen, geringer Profitabilität und schwacher Bilanz den Anlegern seit einiger Zeit aufs Gemüt schlagen. Interessant ist in solchen Fällen immer der Blick auf die Entwicklung der Anleihen mit längerer Laufzeit. Die „2,5 % bis 25.02.2025“ (WKN:A14J58) ist seit Oktober 2018 ganz schön abgestürzt, von über 105 auf unter 98. Anleger wollen offenbar nun eine höhere Risikoprämie erhalten und vertrauen dem neuen Chef Guido Kerkhoff, der im Herbst 2018 von Heinrich Hiesinger übernahm, noch nicht so richtig.

Ich kann diese Sorgen gut verstehen, aber die Frage ist, ob man sie so hoch gewichten sollte, wie das aktuell geschieht.

Lichtblicke im Leistungsspektrum strahlen immer heller

Immerhin hat Guido Kerkhoff einen intelligenten Teilungsplan vorgelegt, der für meine Begriffe nicht übermäßig viel Umstrukturierungsaufwand erfordert, aber doch deutliche Wertschöpfungspotenziale birgt. Gut ist auch, dass die allergrößten Brocken des Konzernumbaus bereits in der Vergangenheit liegen. Nun kann sich das Management verstärkt darauf konzentrieren, Umsatz und Profitabilität der fortgeführten Geschäftsbereiche zu steigern.

Chancen gibt es überall im weitverzweigten thyssenkrupp-Reich. So boomt derzeit beispielsweise die Offshore-Windkraft mit Turbinen zwischen 8 und 10 Megawatt Leistung. Für diese Ungetüme können nur wenige Zulieferer passende Komponenten wie etwa nahtlos gewalzte Ringe und Großwälzlager mit bis zu 10 Meter Durchmesser liefern. Die Tochter Rothe Erde gilt dabei als weltweit führend.

Gut gefallen mir auch einige innovative Transportsysteme, die der Aufzugsbereich über die letzten Jahre präsentiert hat. Bis es gelingt, die Begeisterung des Publikums in signifikante Umsätze umzumünzen, kann es etwas dauern, aber mittlerweile sollte der Markt bereit sein. Der preisgekrönte 246 Meter hohe Testturm in Rottweil steht seit 2017 und ein weiterer in China seit 2018. Seither können Besucher und interessierte Kunden die modernsten Aufzugstechnologien hautnah erleben. Das sollte sich über die kommenden Jahre zunehmend ausbezahlen.

Einen dritten spannenden Wachstumsbereich erkenne ich im Segment System Engineering. Dort wurde über Jahre in den Aufbau eines neuen Geschäftsbereichs investiert, nämlich Anlagen für die Batterieherstellung. Für Lithium-Ionen-Zellen, UltraCaps und auch ganze Batteriesysteme kann heute alles aus einer Hand geliefert werden. Die weltweiten Fertigungskapazitäten werden in Kürze geradezu explodieren. Schließlich steigt die Nachfrage derzeit so schnell, dass das Angebot nicht schritthalten kann. Die hochautomatisierten Lösungen von thyssenkrupp werden also dringend gebraucht.

Ganz ähnlich sieht die Situation bei Energiespeichern im industriellen Maßstab aus, also dort, wo Lithium-Batterien nicht mehr ausreichen. Hier hat thyssenkrupp mit seinen Wasserelektrolyse-Anlagen und seiner Redox-Flow-Batterietechnik zwei heiße Eisen im Feuer.

Irgendwo muss ein Boden sein

Wir Fools sagen immer, dass der langfristige Trend an der Börse nach oben zeigt. Das gilt aber natürlich nur für Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften — und da gibt es historisch bedingt berechtigte Zweifel bei thyssenkrupp. Deshalb kann man sicherlich einen Moment darüber nachdenken, wie kritisch die Situation sein könnte. Allerdings denke ich, dass das Lösungsportfolio stark genug ist, um zukünftig wieder erfreulichere Ergebnisse präsentieren zu können. Selbst wenn nicht alles zündet, sollte an der einen oder anderen Stelle eine positive Überraschung gelingen.

So gesehen ist deutliches Aufwärtspotenzial zu erkennen. Immerhin ist thyssenkrupp ein Konzern mit über 40 Mrd. Euro Umsatz. Da wirkt die Marktkapitalisierung von nicht einmal 8 Mrd. Euro schon sehr mickrig. Um diese zu rechtfertigen, müssten mittel- bis langfristig wieder Gewinne im Bereich von zumindest 0,5 bis 1,0 Mrd. Euro präsentiert werden. Das sind nicht einmal 1,25 bis 2,50 % vom Umsatz.

Wenn man bedenkt, dass Siemens (WKN:723610) regelmäßig eine Nettorendite von über 5 % erwirtschaftet, sollte doch die Hälfte davon bei thyssenkrupp möglich sein, sobald die neuen Strukturen zu greifen beginnen und einige der aussichtsreichen Geschäftsfelder richtig Fahrt aufnehmen.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Aktie sich noch eine Zeitlang in den Niederungen aufhalten könnte, solange weder beim BREXIT- noch beim Tata-Deal Klarheit herrscht und die Konjunktursorgen anhalten. Aber wenn thyssenkrupp unbeschadet durch die folgenden Monate kommt und dann vielleicht auch noch die zuletzt gute Auftragslage ihr positives Momentum beibehält, dann stehen endlich alle Ampeln auf Grün für die Aktie.

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Ralf Anders partizipiert über ein von ihm betreutes Indexzertifikat an der Aktienentwicklung von Siemens. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2019

Autor: Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst