LONDON (dpa-AFX) - Um schnell unabhängig von Russland zu werden, will der britische Premier Boris Johnson statt auf russisches stärker auf heimisches Öl und Gas setzen. "Es ist verrückt, dass wir Öl und Gas aus (Wladimir) Putins Russland importieren, obwohl wir unsere eigenen Ressourcen in der Nordsee haben", schrieb Johnson in einem am Dienstag veröffentlichten Gastbeitrag im "Telegraph". "Es ist Zeit, Investoren mehr Vertrauen in britische fossile Brennstoffe zu geben." Aus der Downing Street hieß es, Johnson habe sich bereits mit Unternehmenschefs von Ölkonzernen getroffen.

Dem Portal "Politico" zufolge sollen entsprechende Gesetze, die die Lizenzierung von Öl- und Gasvorhaben unter bestimmten klimapolitischen Gesichtspunkten verhindern, geändert werden. So könnten etwa Notfallklauseln eingefügt werden, mit denen die bisherigen Regeln umgangen werden könnten.

Gegen die Lizenzierung neuer Ölvorhaben gibt es Widerstand. Auch Großbritannien selbst inszenierte sich kürzlich als Gastgeber der Weltklimakonferenz COP26 verstärkt als Vorreiter beim Klimaschutz. Johnson und COP-Präsident Alok Sharma betonten immer wieder die Notwendigkeit, sich von fossilen Energieträgern zu verabschieden.

"Erneuerbare sind der schnellste und günstigste Weg zu größerer Energie-Unabhängigkeit. Sie sind immun gegen Putins Manipulationen. Er mag seine Hand am Hahn für Öl und Gas haben. Aber er kann nichts tun, um den Nordsee-Wind zu stoppen", schrieb Johnson auch in seinem Gastbeitrag im "Telegraph".

Angesichts stark steigender Energiepreise steht er nun jedoch stärker unter Druck. Johnson kündigte außerdem an, es sei Zeit, stärker auf die Atomenergie zu setzen. Details wollte er in den kommenden Wochen vorstellen. Atomkraft gehört in Großbritannien weiterhin zum festen Bestandteil des Energie-Mixes.

Kurzfristig muss sich Großbritannien, das bis Ende des Jahres kein russisches Öl mehr beziehen will, jedoch nach anderen Lieferanten umschauen. Johnson will zudem am Mittwoch nach Saudi-Arabien reisen. Auch dafür gibt es angesichts der dortigen Menschenrechtsverstöße erhebliche Kritik./swe/DP/nas