BRÜSSEL/BERLIN (dpa-AFX) - Die Heinrich-Böll-Stiftung sieht nur einen geringen Nutzen, sollte die EU versuchen, mehr Lebensmittel durch weniger Umweltauflagen zu produzieren. Hintergrund der am Freitag veröffentlichten Kurzanalyse ist die Debatte um den Plan, künftig vier Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in der EU nicht mehr aktiv zu bewirtschaften, sondern für ökologische Zwecke einzusetzen. Das können zum Beispiel Brachflächen oder auch Blühstreifen für den Artenschutz sein.

Die den Grünen nahestehende Böll-Stiftung geht davon aus, dass sich die weltweite Produktionsmenge von Getreide um 0,4 Prozent steigern ließe, wenn man diese Flächen doch weiter bewirtschaften würde. Der Weltmarktpreis könnte um 0,4 bis 2,2 Prozent gesenkt werden.

Angesichts drohender Ernteausfälle und verkündeter Exportbeschränkungen im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatten sich verschiedene EU-Politiker und Agrar-Interessenverbände dafür ausgesprochen, Umweltauflagen zurückzustellen, damit in der Europäischen Union mehr Lebensmittel produziert werden können.

Der Vorsitzende des Agrarausschusses im Europaparlament, Norbert Lins (CDU), betonte jüngst, die europäische Agrarpolitik müsse jetzt auf Produktionssteigerungen ausgerichtet werden, um einen Beitrag zur stabilen Nahrungsmittelversorgung in der Welt leisten zu können.

Die Böll-Stiftung betonte, dass ihre Berechnungen für die Produktionssteigerung eher zu hoch ausfielen, da Begrenzungen wie Arbeitskräfte- oder Wassermangel nicht einbezogen worden seien. Wenn in der EU hingegen wie geplant Flächen nicht mehr genutzt würden, kommt die Stiftung auf eine Steigerung des Weltmarktpreises für Getreide um 0,1 bis 0,6 Prozent.

Die Auswirkungen durch den Krieg selbst könnten den Angaben zufolge im schlimmsten Fall bis zu 20 Prozent Preissteigerung bedeuten, im besten Fall 2,5 Prozent. Hilfreicher als die Flächenstilllegung zurückzudrehen, seien Finanzhilfen für die Länder des globalen Südens, damit sich diese auch teurere Lebensmittel kaufen könnten, so das Fazit der Stiftung.

Angesichts des Krieges im wichtigen Getreideanbauland Ukraine tobt eine Auseinandersetzung über die EU-Agrarpolitik. So spricht sich etwa auch der französische Agrarminister Julien Denormandie für Anpassungen der Umweltregeln aus. Auf diese hatte man sich erst jüngst nach jahrelangem Ringen geeinigt. Der deutsche Ressortchef Cem Özdemir (Grüne) bezeichnete es hingegen als "Holzweg", eine umweltfreundlichere Lebensmittelproduktion zurückzudrehen. Es wird erwartet, dass die EU-Kommission nächste Woche Vorschläge zu dem Thema vorlegen wird./mjm/DP/ngu