Nordex (WKN: A0D655) ist ein schwieriger Fall. Der langfristige Chart gleicht dem Profil einer guten Achterbahnfahrt. Als Underdog in einem langfristig wachsenden Markt lässt Nordex seine Aktionäre regelmäßig zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwanken.

Aktuell keimt wieder Zuversicht auf: Am 14. Oktober erreichte der Kurs ein neues 52-Wochen-Hoch. Ob der Optimismus gerechtfertigt ist, erscheint jedoch fraglich. Ich würde in Windkraft anders investieren.

Was die Nordex-Aktie schwanken lässt

Noch 2016 schienen die Gewinne stabil in der Erfolgsspur zu liegen. Ein operatives Ergebnis von 169 Mio. Euro begeisterte die Aktionäre. Doch dann schwenkte die Politik abrupt um und verschärfte den Regulierungsrahmen. Viele Länder wendeten sich vom Konzept der subventionierten Einspeisetarife ab und stellten auf Ausschreibungen um. Erschwerend kamen in Deutschland noch Privilegien für sogenannte Bürgerenergie-Gesellschaften hinzu. Im Ergebnis kam die Ausbauaktivität vielerorts zum Erliegen.

2018 sah es so aus, als ob Nordex das Schlimmste überstanden hätte. Großaktionär ACCIONA (WKN: 865629) ließ seine Muskeln spielen und beschaffte einige schöne internationalen Aufträge. Zudem gelang es dem Management, die Kostenstruktur stark zu verbessern, und den Ingenieuren, neue wettbewerbsfähige Windturbinen zu entwickeln. Mit der Delta4000-Plattform setzte sich Nordex zunächst an die Spitze. Die größeren Rivalen zogen erst einige Monate später mit vergleichbar starken Modellen nach.

Für einen echten Turnaround war die Phase jedoch zu kurz. Der Preisdruck blieb 2019 hoch und die Gewinnaussichten tief, während die Politik andauernd über Abstandsregeln streitet. Ein weiterer Nackenschlag war dann die Coronakrise. 2020 wird sicherlich ein weiteres Verlustjahr, nach einem operativen Ergebnis von minus 146 Mio. Euro im ersten Halbjahr. Dennoch hat sich der Aktienkurs von Nordex seit den Märztiefs mehr als verdoppelt.

Was den Optimismus der Nordex-Aktie treibt

Der wichtigste Faktor ist wohl die Auftragslage. Im dritten Quartal kamen wieder 1,2 Gigawatt herein. Das ist zwar immer noch deutlich weniger als im starken Vorjahr, aber dafür sprach Vertriebschef Patxi Landa von einem starken Ausblick für das Schlussquartal. Sowohl in Nord- und Südamerika als auch in Europa sei eine deutliche Belebung zu spüren.

Im wichtigen spanischen Markt hat sich vor einigen Monaten das Regulierungsumfeld verbessert. Auch in Deutschland scheint es nun wieder voranzugehen, obgleich Hans-Dieter Kettwig, Chef des Konkurrenten Enercon, noch bis 2022 eine schwierige Geschäftslage erwartet. Anderswo geht es schon jetzt voran: In Mexiko hat sich Nordex eine neue Produktionsbasis aufgebaut, die große Potenziale bietet.

Außerdem häufen sich die Signale, dass die Wasserstoffwirtschaft in Asien, Europa und Nordamerika nun mit Macht kommt. Politik, Großkonzerne und Spezialisten ziehen dafür an einem Strang. Diese Entwicklung sollte automatisch die Nachfrage nach grüner Energie beflügeln, einschließlich der Windkraft.

Gut für Nordex ist außerdem, dass die chinesische Konkurrenz bisher den Sprung in die internationalen Märkte noch kaum geschafft hat. Eine Auswertung von Wood Mackenzie zeigt, dass sie im zweiten Quartal keine nennenswerten Aufträge im Ausland ergattern konnte. Envision, der vielleicht gefährlichste Herausforderer, scheint sich derzeit eher auf den Ausbau des Offshore-Geschäfts in China zu konzentrieren. Ähnlich sieht es bei Mingyang aus.

Darum könnte der Optimismus übertrieben sein

Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben. Dass die chinesischen Hersteller mittlerweile in der Lage sind, anspruchsvolle Offshore-Projekte umzusetzen, belegt, dass sie große Fortschritte gemacht haben. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre internationale Präsenz stark ausbauen.

Noch profitiert Nordex davon, dass sie bereits vermehrt Laufzeiten von 30 Jahren in Aussicht stellen kann, während es der fernöstlichen Konkurrenz schwerer fällt, eine solche Haltbarkeit zu belegen. Schon im Juni berichtete die WiWo jedoch, dass zum Beispiel Goldwind immer häufiger als Preisbrecher auftritt und hart daran arbeitet, das Vertrauen der noch kritischen Geldgeber zu gewinnen. Gemeinsam mit ihren oft deutschen oder dänischen Partnern entwickeln sie heute Anlagen auf einem wohl vergleichbaren technischen Niveau.

Sollte sich der Wettbewerbsdruck also wieder erhöhen, dann könnte die von Nordex erhoffte nachhaltige Rückkehr in die Gewinnzone scheitern. Zum 30. Juni schmolz das Eigenkapital auf 555 Mio. Euro ab, was gegenüber der Marktkapitalisierung von fast 1,5 Mrd. Euro wenig Puffer bildet. Um diese zu rechtfertigen, wäre es notwendig, die operative Marge in Richtung 5 % und den Umsatz auf über 5 Mrd. Euro zu treiben – nicht einmalig, sondern regelmäßig.

Es gibt weniger riskante Windkraftwetten

Die Möglichkeit, dass Nordex seinen Umsatz ausbauen kann und wieder ein solide profitables Unternehmen wird, besteht. Aber Zweifel sind angebracht. Wahrscheinlicher sind aus meiner Sicht anhaltend schwache Margen, die den aktuell erhöhten Aktienkurs nicht stützen.

Deshalb würde ich eher auf einen der Marktführer setzen, der auch im aussichtsreicheren Offshore-Segment unterwegs ist, wie etwa Vestas (WKN: 913769) – oder auf einen unabhängigen Rotorblatt-Hersteller wie TPI Composites (WKN: A2AMFQ), der fast alle großen Anlagenbauer beliefert.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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Autor: Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

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